Sommerinterview – «Luxemburg kann 800.000 Einwohner verkraften»

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Sommerinterview«Luxemburg kann 800.000 Einwohner verkraften»

LUXEMBURG - «L’essentiel» sprach mit Minister François Bausch (Déi Gréng) über sein Problem mit der «Nordstrooss», die Tram, dicke Dienstwagen und die Zukunft Luxemburgs.

Jeden Tag fährt François Bausch (Déi Gréng) mit seinem Klapprad in sein Ministerium auf dem Kirchberg. Allerdings nicht aus ideologischen Gründen, wie er betont.

Jeden Tag fährt François Bausch (Déi Gréng) mit seinem Klapprad in sein Ministerium auf dem Kirchberg. Allerdings nicht aus ideologischen Gründen, wie er betont.

L'essentiel/Philip Weber

L’essentiel: Herr Bausch, wie ist es, als grüner Politiker in einem autoverrückten Land wie Luxemburg Nachhaltigkeits- und Infrastrukturminister zu sein?

François Bausch: Das macht es besonders spannend. Es geht ja nicht darum, Autos abzuschaffen. Vielmehr wollen wir den Menschen ermöglichen, dass sie verschiedene Fortbewegungsmittel miteinander kombinieren können – je nachdem wie ihr Tagesablauf aussieht. Dafür muss man aber im Kopf flexibler, mobiler werden, und sich nicht reflexartig auf das Auto stürzen.

Beim Thema «sanfte Mobilität» schlägt Ihnen aber harter Wind entgegen. Ob Tram oder Radwege, die Akzeptanz in der Bevölkerung ist nicht sonderlich groß. Fehlt den Menschen hierzulande der grüne Blick für die Zukunft?

Nein, die Luxemburger sind genau wie andere Menschen auch: Gewohnheitstiere. Doch auch sie werden die Vorteile der grünen Maßnahmen erkennen. Aber dafür müssen wir erst einmal das Angebot schaffen. Ich kann von niemandem erwarten, dass er öffentliche Verkehrsmittel nutzt, wenn er mit dem Auto – trotz Stau – dreimal schneller ist. Und deshalb investieren wir ja in den nächsten fünf Jahren 1,4 Milliarden Euro in Tram, Bahn, Seilbahn und P&R-Plätze. Und ich bin davon überzeugt, dass, wenn einmal alles läuft, es niemandem mehr geben wird, der dagegen gewesen sein will.

Am 23. September eröffnen Sie die «Nordstrooss», eine 700-Millionen-Euro-Autobahn, die Sie jahrelang bekämpft haben. Tut das nicht weh?

Da hat mir die Geschichte einen schönen Streich gespielt – damit muss ich leben. Aber ich werde die Gelegenheit nutzen, den Bau noch einmal kritisch zu hinterfragen. Die gewählte Ostvariante ist ja bis heute umstritten. Beschlossen wurde sie 1997, wird jetzt erst eröffnet. Kostet statt geplanten 300 über 700 Millionen Euro. Das grüne Herz Luxemburgs, der Grunewald, wurde teilweise durchschnitten. Und auf dem Kirchberg müssen wir jetzt am Rond-Point Serra noch nachrüsten. Das war eine Planung, die nicht sonderlich durchdacht war.

Und sie können garantieren, dass das bei der Tram anders sein wird?

Ja, da bin ich mir ganz sicher. Wir haben jetzt die ersten Kostenvoranschläge und die liegen sogar unter dem von uns beschlossenen Budget – und wir sind voll im Zeitplan. Aber heute kann man solche Projekte auch nicht mehr so irrational entscheiden wie vor 20 Jahren. Heute braucht man für jeden Teilabschnitt eine Detail-Studie. Es wurde damals so entschieden, weil kein Mensch dort gewohnt hat. Und Bäume haben nur die Stimme der Umweltorganisationen – und die findet nicht genug Gehör bei einem solchen Projekt.

Apropos Umwelt: Es heißt, sie kommen morgens mit dem Fahrrad ins Ministerium. Beim hauptstädtischen Verkehr ist das doch lebensgefährlich, oder?

Ich fahre jeden Morgen aus Belair mit dem Fahrrad zur Arbeit. Das mache ich aber nicht aus ideologischen Gründen. Es ist für mich einfach pure Lebensfreude, hält mich fit und ich habe die Garantie, dass ich immer genau 14 Minuten brauche. Bis auf ein kleines Stück auf dem Heimweg ist auch alles fahrradfreundlich. Außerdem werden wir vom Bau der Tram profitieren. So wird es entlang der kompletten Trasse auf beiden Seiten Radwege geben. In der Stadt ist in den vergangenen Jahren auch schon viel passiert und das Radnetz wird noch weiter ausgebaut werden. Ich gehe davon aus, dass Luxemburg in vier, fünf Jahren eine sehr fahrradfreundliche Stadt sein wird.

Aber nicht alle Wege sind für einen Minister mit dem Fahrrad zu erledigen. Was haben Sie denn für einen Dienstwagen? Und was fahren Sie privat für ein Auto?

Privat fahre ich seit vier Jahren einen kleinen Lexus 200 Hybrid mit 87 Gramm CO2-Ausstoß pro Kilometer. Als Dienstwagen habe ich eine anderthalb Jahre alte Hybrid-S-Klasse von Mercedes mit einem CO2-Ausstoß von 115 Gramm. An meine Regierungskollegen habe ich eine Direktive ausgegeben, bei der Neubeschaffung auf die Motorisierung zu achten. Finanzminister Pierre Gramegna hat jetzt zum Beispiel ganz neu den Plug-in-Hybrid, der stößt nur noch 67 Gramm aus. (Vergleich: Ein Peugeot 207 hat durchschnittlich einen Ausstoß von 130 Gramm, Anm. d. Red.)

Luxemburgs Bevölkerung wächst und wächst, dazu kommen noch viele Grenzgänger. Das Land wird aber nicht größer. Was muss in Sachen Mobilität passieren, damit das Großherzogtum fit für die Zukunft ist?

Für mich ist wichtig, dass wir rationaler mit unserer Fläche umgehen – in der Umweltpolitik, der Verkehrspolitik und in der Bebauungspolitik. Wir können nicht so weiter wachsen, wenn jeder weiterhin morgens mit seinem eigenen Auto zur Arbeit fährt. Das wird dann nicht nur zu einem Problem für die Wirtschaft, sondern auch für die sozialen Standards. Wenn wir aber eine bessere urbane Qualität schaffen, dann können wir problemlos 800.000 Einwohner verkraften. Nehmen Sie das Saarland: Es ist von der Fläche her kleiner als Luxemburg, und dort wohnen eine Millionen Menschen.

Es ist derzeit sonnig, warm, die meisten Menschen sind in Urlaub – ideale Voraussetzungen für den Straßenbau. Stattdessen stehen die Bagger still. Ist der Congé collective noch zeitgemäß?

Persönlich bin ich der Meinung: nein. Das geht zurück in eine Zeit, als im Straßenbau fast ausschließlich Portugiesen beschäftigt waren, aber da hat sich ja viel geändert. Aber das ist eine Frage, in der sich die Sozialpartner und der Staat einig werden müssen. Und nicht einmal die verschiedenen Bauunternehmen sind da einer Meinung.

Herr Bausch, vielen Dank für das Gespräch.

(Philip Weber/L'essentiel)

Vier Wochen – vier Minister

An jedem Freitag im August erscheint auf lessentiel.lu/de ein Minister-Sommerinterview. Auf François Bausch folgen Gesundheitsministerin Lydia Mutsch (14.08.), Bildungsminister Claude Meisch (21.08) und Finanzminister Pierre Gramegna (28.08.).

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