Politischer Druck?: Luxemburger Forscher verlor wegen Kritik an Krisenmanagement seinen Job
Publiziert

Politischer Druck?Luxemburger Forscher verlor wegen Kritik an Krisenmanagement seinen Job

LUXEMBURG – Jeff Da Costa hatte nach der Überflutung im Sommer 2021 in den Medien das Krisenmanagement der Behörden kritisiert. Danach verlor er seine Arbeitsstelle – seinen Angaben nach wegen Druck seitens der Politik. Die Oppositionsparteien fordern Aufklärung.

Jeff Da Costa trat nach den Überflutungen im Sommer 2021 in diversen Medien als Experte für Frühwarnsysteme und Hydrometeorologie auf.

Jeff Da Costa trat nach den Überflutungen im Sommer 2021 in diversen Medien als Experte für Frühwarnsysteme und Hydrometeorologie auf.

L'essentiel

Die Vorwürfe wiegen schwer: Jeff Da Costa, Hydrometeorologe und Doktorand, hat am vergangenen Montag beim Radiosender «100,7» öffentlich gemacht, von seinem damaligen Arbeitgeber RSS-Hydro entlassen worden zu sein, nachdem er in den Medien, so auch bei L'essentiel, das Krisenmanagement der Regierung bei der Überflutung im Sommer 2021 kritisiert hatte.

Da Costa berichtet, dass es zunächst keine Probleme mit seiner öffentlich vertretenen Meinung gegeben habe. Wendepunkt sei die Aufmerksamkeit nach einem «RTL»-Beitrag gewesen, in dem vom «Versagen der Regierung» die Rede war. Auch wenn zum Zeitpunkt des Interviews RSS-Hydro-Chef Guy Schuman sogar eingebunden gewesen sei – das Gespräch wurde in der Niederlassung der Firma in Düdelingen gefilmt – sei die Stimmung laut Da Costa für ihn unerwartet gekippt. «Es hat keinen gestört, ob es auf ‹CNN› oder in der ‹FAZ› […] stand, aber sobald es auf ‹RTL› […] war, wurde es zu einem Problem», sagte er bei «Radio 100,7».

Letztlich wurde Da Costa in der Probezeit gekündigt. «Man hat mir zu verstehen gegeben, dass es politischen und administrativen Druck gegeben hat», bekräftigt Da Costa auf L'essentiel-Nachfrage am Montag erneut. Schuman bestritt dies gegenüber «Radio 100,7», gab wohl aber zu, die Entscheidung getroffen zu haben, um «politischen Druck zu vermeiden und die anderen Mitarbeiter zu schützen.» In einer Whatsapp-Nachricht, die dem Sender seinen Angaben nach vorliegt, schrieb der Chef dem gekündigten Da Costa damals: «Hätte nicht gedacht, dass das dieses Ausmaß annehmen kann. Ich habe dir immer gesagt, dass du aufpassen musst, wenn du die Regierung erwähnen willst – das wird schlecht ausgehen. Und das ist es auch.»

«Ich habe nur meine Arbeit als Forscher gemacht.»

Jeff da Costa

Da Costas Standpunkt als Experte für Frühwarnsysteme war und ist, dass die zuständigen Behörden die Situation nicht richtig eingeschätzt und dementsprechend gehandelt hätten. Die notwendigen Informationen, um die Bevölkerung zu warnen, hätten vorgelegen, doch habe die Informationsweitergabe nicht richtig funktioniert. «Das Risiko wurde unterschätzt. Nicht nur in Luxemburg», sagte er damals in unserem Interview. Dabei bleibt er auch heute. «Dieses Hochwasserproblem ist keine luxemburgische Problematik. Aber Luxemburg ist auch gemeint. Mein Ziel war es, eine Debatte über dieses Problem zu eröffnen, wie es sie in Belgien oder Deutschland gegeben hat, wo Untersuchungsausschüsse eröffnet wurden», sagt er nun gegenüber L'essentiel, «ich bin kein Politiker. Ich habe nur meine Arbeit als Forscher gemacht.»

Der Fall schlägt auch in den Parteien Wellen. Déi Lénk hat eine Mitteilung veröffentlicht, mit dem Fazit: «Sollte sich herausstellen, dass unsere politische Klasse solche Mafia-Methoden nutzt, steht es ganz schlecht um unsere Demokratie.» Sie fordern von der Regierung Aufklärung. Die CSJ fragt gar, ob es eine Omertà (Schweigepflicht im Ehrenkodex der Mafia) in Luxemburg gebe. Die Piraten haben diesbezüglich parlamentarische Anfragen an die Regierung gestellt. Sie fragen nach etwaigen Geschäftsbeziehungen von RSS-Hydro und Regierungsmitgliedern. Laut dem Tageblatt dementiert das Staatsministerium auf Anfrage ebensolche. Es seien «aktuell keine persönlichen Kontakte zwischen Regierungsmitgliedern und der Firmenleitung bekannt». Zudem sei es «gängige Praxis, dass Forschende Entwicklungen in ihrem Fachgebiet öffentlich kommentieren» und Kritik in einer Demokratie ein normaler Vorgang, der «in keinster Weise verboten oder unerwünscht» sei.

Um durch den Jobverlust nicht auch noch den Status als Doktorand zu verlieren, ist Jeff Da Costa inzwischen nach Reading in Großbritannien gezogen, wo er dafür Vollzeit-Forschungsstudent an seiner Universität werden musste. Nachdem er von jetzt auf gleich weder Gehalt noch Krankenversicherung mehr hatte, übernimmt die Uni nun seine Studiengebühren, während er sich «mit Halbtagsjobs durchschlägt», wie er sagt.

(mei/nm/L'essentiel)

Deine Meinung

0 Kommentare