Gilles Muller – «Luxemburgische Mentalität ist das Problem»
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Gilles Muller«Luxemburgische Mentalität ist das Problem»

LUXEMBURG - Wo bleibt der Nachwuchs im Herren-Tennis? Es mangelt an Talenten. Wir haben bei Profi Gilles Muller nach den Gründen gefragt.

Gilles Muller ist Nummer 66 der Tennis-Weltrangliste. Nach Jahren im Ausland trainiert der Profi nun wieder in Luxemburg.

Gilles Muller ist Nummer 66 der Tennis-Weltrangliste. Nach Jahren im Ausland trainiert der Profi nun wieder in Luxemburg.

AFP

«L'essentiel»: Was würden Sie einem Nachwuchstalent raten: In Luxemburg bleiben oder ins Ausland gehen?

Macht es Ihnen Sorgen, dass derzeit kein Nachwuchsspieler bereit steht, um im Davis-Cup aufzuschlagen?
«Ja. Als ich angefangen habe für das Nationalteam zu spielen, gab es immer zwei oder drei erfahrene Spieler und ein paar Junge im Aufwind. Derzeit besteht bei der Nachfolge ein Loch. Ich weiß aber nicht, wie der Mangel an Talenten zu erklären ist, denn im nationalen Tenniszentrum gibt es einige Talente und es wird viel für sie getan.»

Was steht dem Nachwuchs denn im Weg?
«Ich glaube, dass es manchmal am Willen mangelt. Wer Erfolg haben will, muss so weit gehen, dass es weh tut. Ich befürchte allerdings, dass viele junge Leute Tennis spielen, weil ihre Eltern oder ihr Umwelt es so will und nicht, weil sie selbst wirklich Lust hätten, gutes Tennis zu spielen.»

Ist es denn möglich, Schule und Tennis zu verbinden?

«Ich glaube, dass es möglich ist, aber man muss dafür sehr stark sein, vor allem körperlich. Und das braucht Zeit. Oft müssen sich 15- oder 16-Jährige entscheiden, für die Tenniskarriere oder die Schullaufbahn.»

Werden den Talenten denn genügend Mittel zur Verfügung gestellt?

«Die Strukturen sind in Ordnung. Es gibt gute Hallen und die Coque zum Trainieren. Zudem stehen einige gute Trainer zur Verfügung. Die luxemburgische Mentalität ist vielmehr das Problem. Viele haben keine Lust, Berge zu versetzen. Sie machen einen Schritt vor und sechs zurück.»

Woran denken Sie genau?

«Ich erinnere mich an ein Jahr, als ich nach Barcelona nach Luxemburg zurückkam. Ich war Nummer 70 der Weltrangliste und hoffte, mit offenen Armen empfangen zu werden. Aber im Gegenteil: Von Überall wurden mir Steine in den Weg gelegt. Es herrschen Eifersüchteleien zwischen den einzelnen Clubs. Es wäre oft besser, wenn sich die Clubs zusammentun würden, um voranzukommen. Wir können uns in einem kleinen Land nicht erlauben, dass einer gegen den anderen arbeitet.»

Könnte dann auch das vorhandene Geld anders eingesetzt werden?

«Es gibt nicht viel Geld für junge Spieler, damit sie Turniere spielen können. Dabei ist Turniererfahrung entscheidend. Viele junge Spieler haben Lust zu spielen. Aber wenn sie dann ein- oder zweimal im Jahr zu einem Turnier reisen, treffen sie dort auf Spieler, die alle zwei oder drei Wochen Turniere spielen. Sie kassieren dann natürlich derbe Niederlagen und haben am Ende keine Lust mehr.»

(L'essentiel Online/Nicolas Martin)

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