Interview mit Dr. Serge Meyer – «Man sollte überlegen, mit Omikron zu leben»
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Interview mit Dr. Serge Meyer«Man sollte überlegen, mit Omikron zu leben»

ESCH/ALZETTE – Dr. Serge Meyer ist medizinischer Direktor am Centre Hospitalier Emile Mayrisch. Er sieht das Profil der Corona-Patienten in einem Wandel.

Dr. Serge Meyer ist medizinischer Direktor am Centre Hospitalier Emile Mayrisch.

Dr. Serge Meyer ist medizinischer Direktor am Centre Hospitalier Emile Mayrisch.

Editpress/Cédric Feyereisen

L'essentiel: Wie ist die aktuelle Situation der Covid-Einheit im CHEM?

Dr. Serge Meyer: Wir haben den Eindruck, dass es sich um ältere Menschen handelt, die nicht an Covid erkrankt sind, sondern an anderen Krankheiten leiden und deren Zustand es nicht zulässt, in den Einrichtungen zu bleiben. Sie haben keine Lungenerkrankung, werden aber ins Krankenhaus eingewiesen, weil sie gebrechlich sind. Sie könnten in der Onkologie oder in der Rehabilitation sein, wurden aber positiv getestet.

Das Profil der Corona-Patienten hat sich also verändert?

Auf der Corona-Intensivstation hatten wir am Donnerstag vier Patienten – alle mit der Delta-Variante infiziert, die nicht erst vor kurzem aufgenommen wurden. Fünf bis sechs Personen kommen pro Tag auf die Normalstation (Anm. d. Red.: Am Wochenende fanden zwei interne Verlegungen auf die Intensivstation statt. Am Sonntag befanden sich im CHEM sechs Personen auf der Intensivstation und 30 Corona-Patienten auf der Normalstation).

Ist das beruhigend?

Die Omikron-Patienten sind in einem weniger ernsten Zustand. Aber die hohe Anzahl der Infektionen – selbst wenn diese Variante zehnmal weniger aggressiv ist – bedeutet potenziell eine große Anzahl von Patienten. Wenn man hört, dass Familienministerin Corinne Cahen von mehr als 120 Fällen in Senioreneinrichtungen spricht, ist das ein wenig beängstigend. Zumal wir den Höhepunkt der Welle noch nicht erreicht haben. Wir erwarten ihn Ende Januar oder Anfang Februar.

In der Normalpflege ist Omikron also dominant?

In der ersten Januarwoche gab es unter etwa 50 Patienten nur zwei Fälle, die nicht Omikron waren. Jetzt gibt es weniger Corona-Patienten auf der Intensivstation und viel mehr auf der Normalstation. Das ist in allen vier Krankenhäusern des Landes zu beobachten. Da wir im CHEM immer mehr haben, helfen uns die anderen Krankenhäuser aus.

Sollten Ihrer Meinung nach die Gesundheitsvorschriften gelockert werden?

Man sollte darüber nachdenken, mit Omikron zu leben. Es schützt davor, geimpft zu werden. Ich befürchte, dass wir bei sehr strikten Maßnahmen kein Tankstellenpersonal mehr haben werden, keine Lebensmittelhändler mehr... weil alle in Isolation oder Quarantäne sein werden. Bei 3000 Fällen in 24 Stunden mal 2,5 für das Umfeld sind das 7000. Und ebenso viele am nächsten Tag. Bald wird uns der morgendliche Verkehr nicht mehr stören. Wir spüren das ja schon. Bei 25.000 aktiven Infektionen müssen wir bereits die 50.000 Personen erreichen, die nicht arbeiten. Da müssen wir reagieren.

Sollte man die Quarantäne abschaffen?

Man sollte darüber nachdenken, welcher Kontakt ein Risiko darstellt und welcher nicht. Quarantäne auf Personen beschränken, die ein hohes Risiko haben oder positiv getestet wurden. Flüchtige Kontakte sollten nicht einmal erwähnt werden. Und wenn es unter demselben Dach passiert: Testen. Die Isolationsdauer wurde ja kürzlich auf sechs Tage verkürzt. Man muss sehen, wie sich das auf die Zahlen auswirkt. Aber irgendwann werden sie eine Obergrenze erreichen, weil die Labore ihre maximale Kapazität erreicht haben. Wir werden nicht mehr als 10.000 bis 12.000 Tests pro Tag durchführen können. Es wird bis zur zweiten Februarhälfte dauern, bis die Welle vorbei ist. Es wäre auch gut, wenn sich die europäischen Länder über die Maßnahmen einig wären. Wir haben um uns herum drei große Länder mit unterschiedlichen Maßnahmen zur Isolierung und zur Gültigkeit der Zertifikate.

Wie gehen Sie mit der Situation bei anderen Operationen um?

Die große Sorge besteht darin, die alltäglichen Abläufe mehr oder weniger unbeeinflusst zu lassen. Und das ist wirklich nicht der Fall. Wir überlegen dreimal, bevor wir einen nicht dringenden, kosmetischen Eingriff angehen. Wir versuchen, einen Termin nach der Welle vorzuschlagen.

Sollten die positiv getesteten Patienten wieder in die normalen Abteilungen aufgenommen werden?

Da gibt es Vor- und Nachteile. Es bedeutet auch mehr Material oder spezielle Zimmer freizugeben – oft unter dem Verlust von Betten. Das bedeutet aber auch, Personal in Schutzmaßnahmen zu schulen, immer mit dem Risiko, Pflegekräfte aufgrund einer Infektion zu verlieren.

Wäre es möglich, alle Corona-Patienten in einem Krankenhaus zusammenzulegen?

Keines der vier Krankenhauszentren hat die Strukturen dafür. Das würde bedeuten, zum Beispiel auf die Orthopädie verzichten zu müssen. Und Corona-Patienten kommen ja auch aus der Notaufnahme. Das wiederum würde bedeuten, dass nonstop Verlegungen durchgeführt werden müssten. Stattdessen sollte man darüber nachdenken, eine Ziehharmonika-Struktur zwischen den Betten der Intensivstation und den übrigen Betten zu installieren, die je nach Situation angepasst wird.

(Nicolas Martin/L'essentiel)

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