Friedhof als Zuhause – Mann lebt seit 15 Jahren in einem Grab
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Friedhof als ZuhauseMann lebt seit 15 Jahren in einem Grab

Bratislav Stojanovic lebt in einem unterirdischen Grab auf einem verlassenen Friedhof. Die Toten tun ihm weniger weh als Lebende, sagt der Serbe.

In der Welt der Lebenden kommt er nicht gut zurecht. Deshalb hat Bratislav Stojanovic sein Lager unter den Toten aufgeschlagen. Der Obdachlose lebt seit mehr als 15 Jahren auf einem Friedhof in Nis, einer Stadt im Süden Serbiens. Der 42-Jährige hat eine der unterirdischen Grabstätten zu seinem Wohnsitz erkoren. Dort herrscht Totenstille.

Die Nähe zu den Verstorbenen empfindet Stojanovic nicht als gruselig, sondern als tröstlich, wie Stojanovic sagt. «Es ist ruhig hier», erklärt er. «Ich habe keine Angst vor den Toten, sie können mir nichts tun. Aber die Lebenden können das.»

Geplünderte Gräber

Er hat eine Matratze und Decken in dem Grab gelagert. Es hat ein Dach aus Beton, ist aber auf einer Seite offen. Von dort schlüpft er in seine winzige Unterkunft. Von dort dringen aber auch Kälte und Regen ins Innere. Verstreut liegen alte Plastikflaschen und Kerzen, die er von anderen Gräbern eingesammelt hat und die er nachts anzündet, um Licht zu haben. Sogar ein Schädel liege dort, sagt er.

Der Grabstein seiner Unterkunft ist teilweise zerbrochen, trägt aber immer noch die Bilder der dort Beigesetzten. Einige der Gräber auf dem Friedhof wurden offenbar geöffnet und ausgeraubt.

Der Krieg ruinierte sein Leben

Der alte Friedhof befindet sich mitten in der Innenstadt. Seit Mitte der 1970er-Jahre wird er nicht mehr genutzt. Der neue Friedhof wurde außerhalb des Zentrums errichtet. «Hierher kommt kaum noch jemand», sagt Stojanovic. «Ich bin ganz alleine.»

Stojanovic lebt seit Mitte der 1990er-Jahre auf der Strasse. Damals herrschte Krieg, die Wirtschaft lag am Boden. Er war Bauarbeiter, verlor seinen Job und bekam Schwierigkeiten mit seinem Vater, bei dem er lebte. Im Lauf der Jahre verbrachte er schließlich mehr Zeit auf der Straße als zu Hause. Vor zwei Jahren brannte das Haus der Familie nieder, sein Vater kam dabei ums Leben. Stojanovic stand nun vor dem Nichts.

«Das ist mein sicherer Ort»

Die Behörden boten ihm einen Platz in einem Seniorenheim an, doch er lehnte ab. Einige Menschen unterstützten ihn von Zeit zu Zeit, aber meistens versorgt er sich selbst mit dem, was er in Mülltonnen findet – Lebensmittel, Zigaretten, Kleidung. «Ich lebe mehr oder weniger seit 15 Jahren hier. Wenn ich nicht irgendwo ein leerstehendes Haus finde, das ich nutzen kann, komme ich hierher zurück. Dies ist mein sicherer Ort.»

(L'essentiel Online/sda)

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