Lena, 22 – «Meine Eltern sind Heroin-Junkies»
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Lena, 22«Meine Eltern sind Heroin-Junkies»

Lenas Eltern sind stark drogenabhängig. Uns erzählt die 22-Jährige, wie sie mit der Sucht ihrer Eltern umgeht und warum sie es nicht schafft, sie aus ihrem Leben zu verbannen.

Lena ist in einem schwierigen Umfeld aufgewachsen.

Lena ist in einem schwierigen Umfeld aufgewachsen.

Mama und Papa sind die Personen, auf die wir uns bedingungslos verlassen können und die immer für uns da sein werden. Die Felsen in der Brandung, sozusagen. Unsere Eltern formen uns zu besseren Versionen unserer selbst und sind oft Vorbilder, Lehrer, Schutzengel in allen Lebenslagen. Auch wenn sie zwar nicht immer alles wirklich besser wissen – wenn wir nicht mehr weiterwissen, greifen wir immer gern auf ihre Ratschläge zurück und lassen uns in schlechten Zeiten von ihnen auffangen.

Was für viele von uns selbstverständlich ist, kennt Lena in dieser Form gar nicht. Die Eltern der 22-Jährigen sind beide seit kurz nach Lenas Geburt heroinabhängig. «Schon ziemlich früh ist mir bewusst geworden, dass meine Familie nicht so ist, wie jede andere. Ich konnte es als kleines Kind noch nicht genau benennen, aber ich wusste einfach, dass meine Eltern etwas falsch machten», erzählt sie uns.

Die Sucht wird einfach totgeschwiegen

Während ihre Freunde in der Schule erzählten, was sie mit ihren Eltern unternahmen, welche Ausflüge sie machten und wie sich die Familien um sie kümmerten, stand Lena stumm daneben. Gerade mal, wenn Elternbesprechungen einberufen wurden, konnte sich ihre Mutter dazu aufraffen, zu erscheinen. «Sie kümmerte sich halbwegs um meine Pflichtschulzeit. Mein Vater wusste kaum, in welche Klasse ich ging.»

Der Rest von Lenas Verwandtschaft weiß nichts über das Problem. Oder verschließt die Augen davor. «Ich wollte oft mit meiner Großmutter darüber reden, aber irgendwie sind wir nie dazu gekommen. Wir lügen einander seit meiner Geburt an», gesteht die junge Frau. Die Sucht wird einfach totgeschwiegen, niemand will Junkies in seiner Familie haben.

Trotz aller Widrigkeiten hat das Mädchen durchwegs gute Noten und findet nach dem Schulabschluss sofort eine Lehrstelle. Mithilfe ihres Freundes und ihrer besten Freundinnen, mit denen sie über alles reden kann, schafft sie es, sich selbst ein Leben außerhalb der kaputten Familie aufzubauen. So selten wie nur möglich hält sie sich in der Wohnung ihrer Eltern auf. «Ich bin ein sehr aktiver Mensch und es fällt mir schwer, meine Eltern so zu sehen. Aber sie arbeiten nicht, scheren sich nicht um den Haushalt. Am liebsten würde ich dort nicht mehr sein, aber jemand muss sich doch um sie kümmern.»

Ohne Lena wären sie verloren

Also umsorgt sie ihre Mama und ihren Papa, so gut es in ihrer Kraft liegt. Woher sie das Geld für ihre tägliche Dosis bekommen, weiß sie nicht. «Finanziell gesehen übernehme ich einen großen Teil der monatlichen Kosten. Viel sparen kann ich leider nicht. Aber wenn ich es nicht machen würde, bliebe der Kühlschrank leer und die Miete wäre auch nicht bezahlt.»

Als Kind habe sie oft geweint und Angst davor gehabt, dass ihre Mutter einfach nicht mehr aufwachen könnte. Heute hat Lena gesunden Abstand zum Leben ihrer Eltern gefunden, trotzdem liebt sie ihre Familie: «Meine Mutter sagt mir oft, dass sie ohne mich verloren wären. Und das stimmt wohl auch. Deswegen bringe ich es nicht übers Herz, sie einfach alleine zu lassen.»

Zu einem Entzug zwingen könne sie sie jedoch auch nicht. «Das Schlimmste ist es, zusehen zu müssen, wie sich die beiden selbst Schaden zufügen und nie in einem normalen Umfeld gelebt haben. Das will ich meiner zukünftigen Familie niemals antun.»

(L'essentiel/Tilllate/Pearl Manias)

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