Jahrzehnte untergetaucht – Meistgesuchter Nazi in Ungarn verhaftet

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Jahrzehnte untergetauchtMeistgesuchter Nazi in Ungarn verhaftet

Der mutmaßliche Nazi-Kriegsverbrecher Laszlo Csatary ist am Mittwoch in Budapest verhaftet worden. Er soll am Mord an über 15 000 Juden mitgewirkt haben.

Jüdische Aktivistinnen demonstrieren mit zusammengeschnürten Händen vor dem Ort, wo sich Laszlo Csatary jahrelang versteckt haben soll.

Jüdische Aktivistinnen demonstrieren mit zusammengeschnürten Händen vor dem Ort, wo sich Laszlo Csatary jahrelang versteckt haben soll.

AFP

Die Budapester Staatsanwaltschaft hat den mutmaßlichen ungarischen Nazi-Kriegsverbrecher László Csatáry festgenommen. Der 97-Jährige wird verdächtigt, während des Zweiten Weltkriegs bei der Ermordung von 16 000 ungarischen Juden mitgeholfen zu haben. Csatáry wurde am Mittwoch erstmals von der Staatsanwaltschaft in Budapest verhört. Wie die ungarische Nachrichtenagentur MTI berichtete, beantragten die Behörden anschließend bei einem Untersuchungsrichter Haftbefehl.

Auch solle gegen Csatáry Hausarrest verhängt werden, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Damit könnten die Behörden ihm seinen Reisepass abnehmen. Csatáry sei angesichts seines Alters in gutem körperlichen und geistigen Zustand, hieß es weiter.

Alle Anschuldigungen zurückgewiesen

Csatáry wird verdächtigt, in den 1940er-Jahren Kriegsverbrechen begangen zu haben. So soll er während des Zweiten Weltkriegs Menschen gefoltert haben. Im Falle einer Verurteilung droht ihm lebenslange Haft.

Der 97-Jährige wies bei der Vernehmung alle Anschuldigungen zurück. Er habe damals als Polizeichef «nur Befehle erfüllt» und seine «Pflicht getan», sagte Csatáry laut der Internet-Zeitung «index.hu».

Zweizimmerwohnung in Budapest

Die ungarische Justiz war erst durch Hinweise des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Jerusalem und Recherchen der britischen Boulevardzeitung «The Sun» auf die Spur Csatárys gekommen. Reporter der Zeitung spürten ihn in Budapest auf, wo er in einer Zweizimmerwohnung seit Jahren unbehelligt in einem noblen Stadtteil wohnte. Die «Sun» veröffentlichte darauf ein Foto des mutmaßlichen Kriegsverbrechers.

Csatáry trug nach Angaben des Wiesenthal-Zentrums 1944 als Polizeichef von Kosice im damals ungarisch besetzten Teil der Slowakei dazu bei, dass 15 700 ungarische Juden in das Vernichtungslager Auschwitz in Polen gebracht wurden. Bereits 1941 soll er 300 Juden in die ukrainische Stadt Kamjanez-Podilskyj deportiert haben. In dem von der deutschen Wehrmacht eroberten Ort verübten die Nazis kurz darauf ein Massaker an rund 23 600 Juden.

Flucht nach Kanada

Csatáry war 1948 in der Tschechoslowakei in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden. Im Jahr darauf reiste er nach Kanada, wo er eine neue Identität annahm und 1995 die kanadische Staatsangehörigkeit erhielt. Jahrzehntelang arbeitete er hier als Kunsthändler.

Nachdem seine wahre Identität 1997 aufgeflogen war, annullierten die kanadischen Behörden seine Staatsangehörigkeit. Csatáry konnte aber fliehen und galt 15 Jahre lang als verschwunden.

(L'essentiel Online/dapd)

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