Ehemalige Kolonialmacht – «Métis-Kinder» haben Belgien verklagt

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Ehemalige Kolonialmacht«Métis-Kinder» haben Belgien verklagt

Belgien wollte als Kolonialmacht Mischehen verhindern und entriss afrikanische Kinder darum ihren Familien. Fünf betroffene Frauen fordern nun eine Wiedergutmachung.

Fünf Frauen von schwarzen Müttern und weißen Vätern haben Belgien wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verklagt. Sie verlangen, dass der Staat Verantwortung für Handlungen übernimmt, die er als Kolonialmacht tätigte. Das Land habe die Frauen als Kinder ihren Familien im Kongo entrissen und zur Erziehung in kirchliche Einrichtungen gesteckt. Ein Gericht in Brüssel untersuchte den Fall am Donnerstag.

Belgien verschleppte Mädchen aus dem Kongo

Lea Tavares Mujinga, Monique Bintu Bingi, Noelle Verbeken, Simone Ngalula und Marie-Jose Loshi sind zwischen 1945 und 1950 geboren. Die Klägerinnen waren zwischen zwei und vier Jahre alt, als Belgien sie verschleppte. Dies sei auf Antrag der Kolonialverwaltung und in Zusammenarbeit mit den örtlichen katholischen Kirchenbehörden passiert. Die belgische Verwaltung habe den kongolesischen Familien gar mit Repressalien gedroht, falls sie sich weigerten, ihre Kinder freizugeben, schreibt die Agentur «DPA».

Die Mädchen landeten nach ihrer Verschleppung in einer katholischen Mission. In Katende in der Provinz Kasai, bei den Schwestern vom Heiligen Vinzenz von Paul. Dort lebten sie mit etwa 20 anderen Mädchen ähnlicher Herkunft und auch mit indigenen Waisenkindern zusammen – unter sehr harten Bedingungen. Nun fordern die Frauen eine Entschädigung von jeweils 50.000 Euro, was umgerechnet rund 53.600 Euro sind. Laut Gerichtsdokumenten hatten die Väter in allen fünf Fällen das elterliche Sorgerecht nicht ausgeübt.

«Es geht nicht ums Geld»

Den Anwälten zufolge zielte die Strategie des belgischen Staates darauf ab, Mischehen zu verhindern. Er betitelte Kinder mit schwarzem und weißem Elternteil damals als «Métis-Kinder» oder auch als «Kinder der Schande» und wollte sie isolieren. Der Staat wollte so verhindern, dass die Kinder später eine Verbindung zu Belgien herstellen. Nach der Unabhängigkeit Kongos im Jahr 1960 hätten der Staat und die Kirche die Kinder im Stich gelassen. Kämpfer der Miliz sollen einige Kinder sogar sexuell missbraucht haben.

«Es geht nicht ums Geld», sagte Michelle Hirsch, eine der Anwältinnen. «Wir wollen ein Gesetz, das für alle gelten kann, damit der belgische Staat die begangenen Verbrechen und das Leid der Métis-Kinder anerkennt.»

Die belgische Regierung hatte sich 2019 für die Rolle entschuldigt, die der Staat bei der Entführung der Babys und ihrer Entwurzelung von ihren afrikanischen Müttern spielte. Im vergangenen Jahr drückte ein regierender König zum ersten Mal in der Geschichte des Landes sein Bedauern über die ausgeübte Gewalt aus.

(L'essentiel/DPA/mur)

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