Selenskyj-Rede: «Mir wëlle bleiwe wat mir sinn» eint Ukraine und Luxemburg

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Selenskyj-Rede«Mir wëlle bleiwe wat mir sinn» eint Ukraine und Luxemburg

LUXEMBURG/KIEW – Der ukrainische Präsident hat am Donnerstag in einer Rede vor der Chamber um weitere Unterstützung für sein Land geworben. Luxemburgs Premier hat diese zugesichert.

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© Editpress/Julien Garroy

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«Ich bin Ihrer Regierung dankbar für ihre historische Entscheidung, unserem Land zu helfen». Wolodymyr Selenskyj erklärte, er fühle sich «sehr geehrt», als er am Donnerstagmorgen per Videokonferenz vor der Chamber eine Rede gehalten hat. Ein riesiger Bildschirm war aufgestellt worden, sodass Fernand Etgen ausnahmsweise auf der Regierungsbank Platz nehmen musste. Der historische Charakter des Moments war spürbar – «Zum ersten Mal in der Geschichte unseres Parlaments empfangen wir den Präsidenten eines Landes, das sich im Krieg befindet», hatte auch Parlamentspräsident Etgen die Sitzung eingeleitet.

Seit Beginn des russischen Angriffskrieges hat der ukrainische Präsident schon vor vielen Parlamenten gesprochen. Meist stellt er spezielle Verbindungen zum jeweiligen Land her. «Mir wëlle bleiwe wat mir sinn», griff er dieses Mal das alte und aus seiner Sicht sehr aktuelle Luxemburger Motto auf, das auch für die Ukraine gelte. Das Land kämpfe stellvertretend für die Werte Europas – «um das zu bleiben, was wir sind: frei, unabhängig und offen für alle Europäer», so Selenskyj.

Dementsprechend erwartbar kam der Präsident der Ukraine auf den EU-Beitrittsantrag seines Landes zu sprechen. «Die Ukraine ist de facto Mitglied der EU geworden. Sie beweist durch ihr Handeln, dass sie die Werte der Union verteidigt», sagte Selenskyj. Einem beschleunigten Beitrittsverfahren erteilte Premierminister Xavier Bettel in seiner Anschlussrede zwar eine Absage, doch sicherte er zu, sich der Kandidatur keinesfalls entgegenzusetzen. «Europa ist die Zukunft der Ukraine», so der Premier. Diesen Monat will die EU-Kommission über die Ukraine als Beitrittskandidat beraten. «Im Juni kein positives Signal zu geben, wäre meiner Meinung nach sehr schwierig.» Für den Fall, dass die Kommission Bedingungen stelle, «werden wir alles tun, damit Sie diese so schnell wie möglich erfüllen können», versprach Bettel.

«Es ist wichtig, dass Sie sich mit Wladimir Putin treffen»

Premierminister Xavier Bettel

Vor den Abgeordneten, Ministern, Botschaftern und der Presse zog Selenskyj eine schonungslose Bilanz der Lage in seinem Land. Der Krieg dauere nun schon fast 100 Tage, sagte er, doch eigentlich gehe er bereits seit 2014. «Seitdem hat die Ukraine 14.000 Soldaten und 43.000 Quadratkilometer, die Fläche der Niederlande, verloren.» Russland habe 3600 ukrainische Ortschaften besetzt, von denen 1000 inzwischen wieder befreit wurden. 20 Prozent des Territoriums seien jedoch weiterhin besetzt und «mit Minen und Blindgängern verseucht». Mariupol sei ein Trümmerfeld, über die genauen Opferzahlen könne man nichtmal eine Aussage treffen.

Historisch zog Wolodymyr Selenskyj Vergleiche mit der Zeit des Zweiten Weltkriegs. «Es erinnert an die Bedrohung durch die Nazis, die die ganze Welt im Griff hatte». Parallelen erkannte auch Premierminister Xavier Bettel. «Ein Schicksal, das ein größerer Nachbar versucht, Ihnen aufzuzwingen, ist etwas, das wir hier auch erlebt haben», sagte Luxemburgs Premier und spielte auf die Besatzungszeit an.

Für den Kampf gegen Russland forderte Selenskyj weitere Waffenlieferungen sowie Sanktionen gegen Russland. Kriegsverantwortliche müssten vor Gericht gestellt werden. Bettel forderte ihn auf, auch mit den afrikanischen und südamerikanischen Parlamenten zu sprechen, da sich das russisches Narrativ etabliere, dass der Konflikt seitens der EU verursacht sei. Für unausweichlich, um ein Kriegsende zu erreichen, hält der Premier jedoch das direkte Treffen zwischen Selenskyj und Russlands Präsident Wladimir Putin. «Es ist wichtig, dass Sie, Herr Präsident, sich mit Wladimir Putin treffen», sagte er. Er selbst habe zwar den Kontakt mit Putin nach den Verbrechen in Butscha abgebrochen, doch bleibe Putin die Schlüsselperson. «Niemand außer er entscheidet», so Xavier Bettel und sicherte seine vollständige Unterstüzung zu. «Sie können sich auf unser Engagement verlassen», sagte er, «wenn Sie denken, dass ich etwas tun kann, dann werde ich es tun.»

(mei/jg/L'essentiel)

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