Räumung von Calais – «Mission erfüllt» – wirklich?

Publiziert

Räumung von Calais«Mission erfüllt» – wirklich?

Die französischen Behörden sind stolz auf die Räumung des «Dschungels». «Mission erfüllt», tönen sie. «Ein riesiger Witz» für die Hilfswerke vor Ort.

Seit gestern sprechen die französischen Behörden zwar von einer «erfüllten Mission»: Man habe den «Dschungel», das Elendscamp in Calais, früher als vorgesehen räumen und über 5000 Flüchtlinge in Aufnahmezentren und Unterkünfte im ganzen Land verteilen können. Die meisten von ihnen kommen aus Äthiopien, Eritrea, Afghanistan oder dem Sudan. Jetzt sei «niemand mehr im Camp», hieß es gestern.

Reporter vor Ort aber berichten anderes: Um die hundert unbegleitete Minderjährige hätten die Nacht über in dem fast zur Hälfte abgebrannten Lager verbracht. Hilfsorganisationen zufolge wurden die Kinder sich selbst überlassen, obwohl «wir die Behörden anflehten, sich um sie zu kümmern», wie Caroline Gregory von der britischen NGO «Calais Action» der «BBC» sagte. Die freiwilligen Helfer hätten die Flüchtlingskinder über Nacht schließlich in einem als Büro genutzten Container und einem weiteren Raum auf dem Areal untergebracht. 20 Kinder hätten sich zudem einen Schlafplatz in einer abgebrannten Moschee gesucht.

«Komplett im Stich gelassen»

Gestern waren zwischen 30 und 40 Prozent der Unterkünfte des «Dschungels» in Flammen aufgegangen. Migranten hätten sie angezündet, hieß es. Einige hätten so «alles verloren», auch ihre Dokumente. «Als gestern Feuer ausbrach, rannten einige Kinder zurück, um ihre Sachen zu retten. Jetzt berichten die Medien, dass das Camp evakuiert und alles in Ordnung sei – ein riesiger Witz», sagt Helferin Naughton. «Wir sind absolut geschockt, weil wir diese Kinder nirgends unterbringen können. Sie werden wohl davonrennen. Diese Kinder sind schutzlos und wurden von den Behörden komplett im Stich gelassen.»

NGOs diskutieren derzeit, wie sie die Kinder sicher unterbringen können. Ein Vorschlag, sie temporär in Hotels in Calais zu bringen, wurde verworfen. Auch, weil die meisten Hotels in der Stadt ausgebucht seien – wegen der extra angeforderten Polizisten und der Medienvertreter aus aller Welt.

«Das sind nicht die Menschen, die im Camp gelebt haben»

«Es wird sehr schlecht informiert und das Informationsdefizit kreiert Panik», sagt Dorothy Sang von «Save the Children». Für die Schutzlosen sei das eine gefährliche Situation. «Bereits als das Camp vor einigen Monaten teilweise abgerissen wurde, verschwanden 100 Kinder spurlos. Diese Gefahr droht jetzt auch.»

Die jungen Migranten versammelten sich heute vor dem geschlossenen Aufnahmezentrum des Camps – sie waren offensichtlich nicht Teil des Registrierungsprozesses der letzten Tage. «Die Behörden beendeten die Registrierung von Kindern gestern gegen Mittag und sagten, dass die temporären Container, die für die unbegleiteten Minderjährigen vorgesehen waren, voll seien. Sie schickten 300 bis 400 Kinder, auch solche unter 13 Jahren, zurück in den «Dschungel». Doch dieser stand in Flammen, so dass sich alle außerhalb versammelten. Bis zu tausend Personen verbrachten die Nacht unter einer Brücke, darunter auch viele Kinder», sagt Josie Naughton von «Help Refugees».

«Die Menschen, die da sind, sind nicht die Menschen, die in dem Camp gelebt haben», sagte die Präfektin des Departements Pas-de-Calais, Fabienne Buccio, dazu. Für sie sei das Aufnahmezentrum auch nicht gedacht gewesen. Es sei nicht die Aufgabe von Calais, «alle Migranten aus Europa zu empfangen. Wir wollen kein Vakuum schaffen. Wir haben die Migranten aufgefordert, zu gehen.»

Bürgermeisterin: «Keine Rede von Räumung»

Die Ankündigung der Behörden, das Camp sei vollständig geräumt, ist nicht nur für die Hilfsorganisationen «ein Witz». Auch die Bürgermeisterin von Calais, Natacha Bouchart, ist skeptisch: «Von einer Räumung des Camps kann noch keine Rede sein.» Man müsse «wachsam» sein und den Menschen Garantien geben, damit sie sich nicht wieder im Camp niederlassen.

In den vergangenen Tagen wurden nach Angaben des Innenministeriums etwa 5600 Flüchtlinge auf andere Regionen in Frankreich verteilt. Die Präfektin hatte die illegale Hütten- und Zeltsiedlung am Ärmelkanal bereits am Mittwoch offiziell für leer erklärt. Die Abrissarbeiten gehen auch heute Donnerstag weiter.

(L'essentiel/gux)

Deine Meinung