24-Stunden-Gesellschaft – Mittagsschläfchen wird zum Statussymbol

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24-Stunden-GesellschaftMittagsschläfchen wird zum Statussymbol

Mit wenig Schlaf auszukommen, gilt heute im Verständnis vieler als Zeichen von Stärke. In Zukunft wird es laut Forschern dagegen chic sein, sich ausgiebig auszuruhen.

Sogenannte Schlafkapseln stehen inzwischen in zahlreichen internationalen Flughäfen und Firmen wie hier in Hongkong. Sie ermöglichen es gestressten Passagieren und Mitarbeitern, tagsüber ein Nickerchen zu machen. Foto: AFP/Mike Clarke

Sogenannte Schlafkapseln stehen inzwischen in zahlreichen internationalen Flughäfen und Firmen wie hier in Hongkong. Sie ermöglichen es gestressten Passagieren und Mitarbeitern, tagsüber ein Nickerchen zu machen. Foto: AFP/Mike Clarke

«Vier Stunden schläft der Mann, fünf die Frau, sechs ein Idiot», soll Napoleon Bonaparte einst gesagt haben. Wie der französische Feldherr halten es nach eigenen Angaben auch SVP-Übervater Christoph Blocher, Fifa-Boss Sepp Blatter, CS-Chef Brady Dougan und CVP-Präsident Christophe Darbellay. Sie alle geben an, mit extrem wenig Schlaf auszukommen. Sich nachts nur ein paar Stunden Ruhe zu gönnen, scheint heute bei vielen Politikern und Managern zum guten Ton zu gehören.

Eine neue Studie des Gottlieb Duttweiler Instituts (GDI) geht davon aus, dass sich dies in Zukunft radikal ändern wird. «Die Manager werden dann nicht mehr damit protzen, wie wenig Schlaf sie brauchen, sondern sagen: ‹Seht her, ich leiste mir Schlaf und Entschleunigung›», sagt Studienautorin Daniela Tenger. Der Grund: Wenig Schlaf ist längst kein Erkennungsmerkmal arbeitswütiger Wirtschafts- und Politikleader mehr. Auch der Durchschnittsbürger schläft aufgrund der ständigen Erreichbarkeit weniger als früher.

Kurze Nickerchen in der Öffentlichkeit

«Genau dadurch, dass Schlaf zur Mangelware wird, wird er zum begehrten Gut», so Tenger. Die Zukunftsforscherin geht davon aus, dass sich die aktuelle Entwicklung hin zu einem unruhigeren Schlafrhythmus noch verstärken wird. «In der 24-Stunden-Gesellschaft werden wir zunehmend davon wegkommen, zuhause in der Nacht an einem Stück zu schlafen.» Vielmehr würden sich Modelle durchsetzen, wie man sie heute im Ausland schon vereinzelt kennt: Ob Schlafcafés in Japan oder sogenannte Schlafkapseln in internationalen Flughäfen und Firmen – öffentliche Schlafgelegenheiten für kurze Nickerchen sollen wichtiger werden.

Tenger vergleicht die beiden Trends mit der Entwicklung beim Essen: Zwar lösen Take-Away-Angebote die drei festen Mahlzeiten am Tag zunehmend ab, aber gleichzeitig gibt es auch eine mächtige Gegenbewegung: Slow-Food-Anhänger zelebrieren das bewusste Zubereiten und Genießen von Lebensmitteln – Essen wird zum Lifestyle. Dieselbe Entwicklung sei beim Schlaf zu erwarten, so Tenger. Vor allem bei der mobilen, arbeitstätigen Bevölkerung werde das Nickerchen zwischendurch zum Statussymbol.

Kurzschlaf-Mentalität als «Macho-Idee»

Vereinzelt sei eine solche Trendwende schon heute zu beobachten. Bestes Beispiel dafür sei die Medienunternehmerin Arianna Huffington, Gründerin der Huffington Post. Sie bezeichnet sie die Kurzschlaf-Mentalität als «Macho-Idee». Ihre Botschaft: Wer mehr schläft, sei leistungsfähiger, kreativer und interessanter.

Zur Steigerung der Schlafqualität sollen laut Studie künftig auch verschiedene Gadgets und Produkte beitragen. Die Studie verweist etwa auf die Schlafmaske eines kalifornischen Medtech-Unternehmens, die angeblich den Schlaf abkürzt. «Nachdem man sich jahrzehntelang darauf fokussiert hat, wie man die Leute mit Koffein und anderen Wachmachern leistungsfähiger machen kann, setzt die Industrie nun verstärkt auf Tools zur Optimierung der eigenen Erholungsphasen», so Tenger. Die entsprechende Forschung habe ihren Ursprung beim US-Militär: Die Verantwortlichen hätten gemerkt, welch große Schäden übermüdete Soldaten anrichten können.

(L'essentiel/J. Büchi)

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