1010 Meldungen in 35 Ländern: Mögliche Ursache für mysteriöse Hepatitis-Fälle gefunden

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1010 Meldungen in 35 LändernMögliche Ursache für mysteriöse Hepatitis-Fälle gefunden

Seit im April 2022 die ersten mysteriösen Hepatitis-Fälle bei Kindern auftraten, versuchen Fachleute herauszufinden, was dahinter steckt. Nun deuten zwei Studien in dieselbe Richtung.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Die erste Meldung einer rätselhaften Hepatitis-Erkrankung stammt von Anfang April 2022.

Die erste Meldung einer rätselhaften Hepatitis-Erkrankung stammt von Anfang April 2022.

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Bis zum 8. Juli 2022 wurden der WHO 1010 Verdachtsfälle in 35 Ländern gemeldet, knapp die Hälfte davon in Europa.

Bis zum 8. Juli 2022 wurden der WHO 1010 Verdachtsfälle in 35 Ländern gemeldet, knapp die Hälfte davon in Europa.

WHO
Die mysteriösen Hepatitis-Fälle betrafen ausnahmslos Kinder und Jugendliche.

Die mysteriösen Hepatitis-Fälle betrafen ausnahmslos Kinder und Jugendliche.

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Seit Monaten versuchen Fachleute herauszufinden, was hinter einer Reihe rätselhafter Hepatitis-Infektionen steckt. Bis zum 8. Juli 2022 zählt die Weltgesundheitsorganisation WHO 1010 Verdachtsfälle in 35 Ländern, knapp die Hälfte davon in Europa. 22 Kinder starben in der Folge, 46 mussten eine Spenderleber transplantiert bekommen. Die meisten der Betroffenen waren jünger als sechs Jahre (siehe Bildstrecke).

Bislang ist unklar, was hinter dem Ausbruch steckt. Bei keinem der betroffenen Kinder konnten Viren nachgewiesen werden, die normalerweise die Krankheit auslösen. Als Ursache standen unter anderem das Coronavirus Sars-CoV-2 und Adenoviren, die häufig Erkältungs- und grippeähnliche Symptome auslösen, im Verdacht.

Unter Verdacht stehen zwei alte Bekannte

Zwei voneinander unabhängige Forschungsteams aus Glasgow und London erhärten nun die Vermutung, dass Adenoviren die Leberentzündungen ausgelöst haben. Jedoch nicht allein, so die Forschenden in ihren noch nicht von unabhängigen Fachleuten begutachteten Arbeiten. Vielmehr scheint noch ein zweites Virus, das sogenannte Adeno-assozierte Virus 2 (AAV2), beteiligt zu sein.

AAV2?

Adeno-assoziierte Viren wie AAV2 gehören zu den sogenannten Dependoviren. Sie können alleine keine Zellen infizieren, sondern sind immer abhängig von einem Helfervirus, mit dem sie gemeinsam dieselbe Zelle befallen können. AAV2 ist also eine Art molekularer Trittbrettfahrer. Bislang war man davon ausgegangen, dass AAV2 keine Krankheiten auslöse. Wie Spektrum.de berichtet, kennt man AAV2 seit fast 60 Jahren, «und vier von fünf Erwachsenen wurden Studien zufolge bereits damit infiziert.» Dies geschehe meist in früher Kindheit und verlaufe fast immer komplikationslos.

Das Team um Emma Thomson, Professorin für Infektionskrankheiten am MRC-University of Glasgow Centre for Virus Research, fand AAV2 bei allen neun untersuchten Kindern mit auffälliger Hepatitis. Die Gruppe um die Virologin Judith Breuer vom University College London entdeckte AAV2 bei 94 Prozent der 28 Hepatitisfälle. So gut wie nicht nachgewiesen wurde es dagegen bei Kindern, die keine Leberentzündung gehabt haben oder deren Hepatitis eine geklärte Ursache hatte. «Unsere Ergebnisse stimmen absolut mit denen der schottischen Gruppe überein», erklärte Breuer an einer Pressekonferenz.

Genetische Komponente

Auch in einem weiteren Punkt decken sich die Resultate der Arbeiten: So fanden beide Teams in den Erbanlagen der betroffenen Kinder besonders häufig das Gen DRB1*0401, von dem bekannt ist, dass es die Funktionsweise des Immunsystems beeinflusst. Das Gen war in einem Großteil der Proben vorhanden. Normalerweise kommt es in Großbritannien nur selten vor. «Wir denken, dass AAV2 und das humane Adenovirus eine unerklärliche pädiatrische Hepatitis bei Kindern auslösen können, die aufgrund des Immun-Gens dafür anfällig sind», zitiert Technologyreview.com Breuer.

«Wir denken, dass AAV2 und das humane Adenovirus eine unerklärliche pädiatrische Hepatitis bei Kindern auslösen können, die aufgrund des Immun-Gens dafür anfällig sind.»

Judith Breuer, University College London

Auch Pandemie könnte eine Rolle gespielt haben

Dass Sars-CoV-2 eine Rolle spielt, schließen beide Teams aus. Dennoch könnte die Corona-Pandemie den Hepatitisausbrüchen den Weg geebnet haben, so die Forschenden. Denn die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus hätten auch Auswirkungen auf andere Infektionskrankheiten gehabt. «Während Lock- und Shutdown, konnten die Kinder untereinander keine Viren verbreiten», zitiert BBC.com Breuer. So hätten sie keine Immunität gegen andere Infektionen aufbauen können, denen sie normalerweise ausgesetzt seien. Infolge der Aufhebungen hätten sich die Kinder zum ersten Mal mit den sehr verbreiteten Erregern infiziert und bei ungünstiger Konstellation zwischen Genen und Ko-Infektionen sei es dann zu den auffälligen Hepatitis-Zahlen gekommen. Ein ähnlicher Anstieg war auch bei den RSV-Fällen zu beobachten gewesen.

Die Forschenden weisen darauf hin, dass es noch weitere und größere Studien brauche. So sieht es auch Christina Pagel, Medizinerin bei der Clinical Operational Research Unit in London. Sie betont auf Twitter, dass es sich zwar um eine starke Korrelation, aber noch keinen endgültigen Beleg handle.

Die beiden Vorabstudien sind auf Medrxiv.org und dem Server des britischen NHS (National Health Service) zu finden.

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