Anschlag auf russischen Spion – «Moskau setzt auf drei Gift-Typen»

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Anschlag auf russischen Spion«Moskau setzt auf drei Gift-Typen»

Zum Fall des in Großbritannien mutmaßlich vergifteten russischen Ex-Agenten Skripal gibt es noch kaum Antworten. Viele verdächtigen den Kreml.

Der frühere russische Doppelagent Sergej Skripal (66) ist in Großbritannien möglicherweise vergiftet worden. Zusammen mit einer Frau war er am Sonntag bewusstlos auf einer Bank vor einem Einkaufszentrum in Salisbury gefunden worden. Die Frau sei Skripals Tochter, Julia (33), so die «Daily Mail», die gute Beziehungen zur Polizei unterhält.

Bestätigt sich dies, wäre das Drama noch um eine Wendung reicher. Skripals Ehefrau Ljudmila war 2012 verstorben, sein Sohn kam letztes Jahr unter ungeklärten Umständen in Russland um, wo er Ferien machte. Tochter Julia war die einzige Überlebende in Skripals nächster Familie. Sie und ihr Vater liegen in «kritischem Zustand» im Krankenhaus. Die Polizei geht davon aus, dass die beiden in Kontakt mit einer «unbekannten Substanz» gekommen sind. Der Guardian vermutet, dass es sich um Fentanyl handelt, ein starkes Opiat.

«Es kann eine Tendenz zu Verschwörungstheorien geben»

In die Ermittlungen haben sich inzwischen die Spezialkräfte der britischen Polizei eingeschaltet, um herauszufinden, was hinter der mysteriösen Erkrankung steckt. Der Chef der Spezialkräfte, Mark Rowley, bestätigte, dass es in der Vergangenheit verdächtige Todesfälle mit Russland-Bezug gegeben habe. Er warnte aber vor voreiligen Schlüssen.

«Ich glaube, wir müssen uns daran erinnern, dass russische Exilanten nicht unsterblich sind, sie sterben alle und es kann eine Tendenz zu Verschwörungstheorien geben», sagte Rowley. Der Fall des in London vergifteten russischen Ex-Geheimagenten und Kremlgegners Alexander Litwinenko (siehe Bildstrecke) zeige aber, dass Wachsamkeit geboten sei. Litwinenko war 2006 in einem Londoner Hotel mit radioaktiv verseuchtem Tee vergiftet worden.

«Sie vergessen nie»

Einige Nachrichtendienst-Experten schlossen nicht aus, dass Skripal Opfer seiner Ex-Kollegen geworden sein könnte, die der einstige Doppelagent einst an die Briten verraten hatte. Skripal war in Russland deswegen verhaftet und wegen Hochverrats zu einer 13-jährigen Haftstrafe verurteilt worden. Russland sprach damals davon, dass die Sicherheit des Landes wegen Skripals Tätigkeiten «ernsten Schaden» genommen habe.

Da Skripal vom damaligen Präsidenten Dimitri Medwedew höchstpersönlich begnadigt worden war, gilt er in der Agenten-Etiquette als unantastbar, wie der britische Historiker Mark Galeotti anmerkt. Dennoch vermutet eine Reihe von Beobachtern, dass Russlands Regime unter Ex-KGBler Wladimir Putin Landesverrätern wie Skripal nie verzeihen würde.

Kremlsprecher: «Das hat ja nicht lange auf sich warten lassen»

Der russische Ex-Spion Victor Makarow, der ebenfalls in Großbritannien lebt, gab sich bereits 2007 in einem Interview mit dem Independent überzeugt: «Sie (die Leute vom KGB, Anm. d. Red.) werden versuchen, mir in den Hinterkopf zu schießen, oder greifen zu Gift. Sie vergessen nie.» Alexander Goldfarb, ein Freund des Opfers, sagte zur Daily Mail, der Kreml habe «die Gelegenheit, das Motiv und die Mittel» für einen solchen Anschlag. Dieser sei ganz nach dem Modus Operandi des Kremls, davon zeugten vergangene Beispiele (siehe Bildstrecke).

In Moskau will man davon nichts wissen. «Das hat ja nicht lange auf sich warten lassen», sagte Kreml-Sprecher Peskow in Moskau. Er könne den Fall nicht kommentieren, fügte er hinzu. Man stehe aber für eine Zusammenarbeit mit den britischen Behörden zur Verfügung. Der britische Außenminister Boris Johnson hat eine «angemessene und robuste Reaktion» angekündigt, sollte sich der Verdacht auf eine Rolle Moskaus in der mysteriösen Erkrankung des russischen Ex-Spions erhärten.

«Moskau setzt auf drei Gift-Typen»

Im Zusammenhang mit diesem aufsehenerregenden Fall ist die Erklärung eines Mitglied der britischen außenpolitischen Kommission interessant. Bob Seely zufolge arbeitet der Kreml in seiner Kriegsführung wieder zunehmend mit Gift. Demnach entwickle Russland neue Toxine und habe dafür spezialisierte Labors eingerichtet. «Gifte sind schwer zu entdecken, deswegen werden sie bei verdeckten Operationen eingesetzt. Sie können aber auch ganz offensichtlich als Signal und Warnung dienen», so Seely gegenüber der britischen «Times».

Seely zufolge setzt Moskau vor allem auf drei Gift-Typen: Zum einen auf Opiate wie Fentanyl. Diese wurden von den Spezialkräften eingesetzt, als Terroristen 2002 das Dubrowka-Theater in Moskau besetzten und 900 Besucher gefangen nahmen. 130 Geiseln sollen dabei an dem Gift gestorben sein, weil ihnen nicht rechtzeitig ein Gegenmittel verabreicht worden sei, so Seely.

«Die Kammer»: Das berüchtigte Labor Nr. 12

Beliebt seien außerdem radioaktive Toxine wie Polonium-21, mit dem 2006 der russische Spion Alexander Litwinenko getötet worden war. Und schließlich Dioxin, eines der stärksten Gifte, das bis jetzt durch Menschenhand hergestellt wurde. Der ehemalige ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko soll damit 2004 vergiftet worden sein, überlebte diesen Anschlag jedoch, gezeichnet von Narben. Er soll nur überlebt haben, weil er sich kurz nach der Einnahme des Giftes habe übergeben müssen, heißt es.

Dass Russland auf eine lange Tradition im Umgang mit giftigen Stoffen und Giftmorden zurückblickt, ist erwiesen. Bekannt – oder besser: weitgehend unbekannt – ist etwa das Laborinstitut des Volkskommissariats für innere Angelegenheiten, genannt Laboratorium Nr. 12 oder «die Kammer». Das Labor in Moskau erforschte und testete für die sowjetische Regierung giftige Stoffe für gezielte Tötungen und «schmutzige Operationen». Es steht seit 1992 unter der Aufsicht der Behörden der Russischen Föderation. Seine Tätigkeit unterliegt weiterhin strengster Geheimhaltung.

(L'essentiel/gux)

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