Gilles Muller – «Noch ist meine Reise hier nicht vorbei»

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Gilles Muller«Noch ist meine Reise hier nicht vorbei»

Der Luxemburger Gilles Muller ist der überraschendste Viertelfinalist in Wimbledon. Für die Fans bieten einige Gemeinden nun ein Public Viewing an.

34 musste Gilles Muller werden, um dieses Gefühl zum zweiten Mal zu erleben. Das Gefühl, an einem Grand-Slam-Turnier unter den letzten acht zu stehen. Ein erstaunlicher Auftritt im Wimbledon-Achtelfinale gegen Rafael Nadal hat es möglich gemacht.

Wie der luxemburgische Außenseiter im fast fünfstündigen Krimi den Stoiker mimte und den Spanier mit angriffslustigem Spiel in die Knie zwang, war sehenswert. Mit seiner Ruhe sandte er eine nonverbale Botschaft übers Netz. Er signalisierte: Ich lasse mich nicht verrückt machen. Nicht von der vergebenen 2:0-Satzführung, nicht von den zahlreichen verpassten Gelegenheiten im Entscheidungssatz, nicht von Jubelgesten des Gegners.

Sternstunde mit Folgen

Der überraschende Sieger vermied es, nach seinem vielleicht größten Coup zu viele Emotionen zuzulassen. «Es ist schon eine ziemlich coole Sache. Aber ich habe jetzt die Gelegenheit, im Viertelfinale gegen Marin Cilic zu spielen. Noch ist meine Reise hier nicht vorbei», sagte er. Diese Worte wählte er mit Bedacht, denn: «Ich habe schon einmal den Fehler gemacht, all die Eindrücke zu sehr aufzusaugen vor meinem nächsten Duell. Das kostet einfach sehr viel Energie.»

Zwölf Jahre ist das her. Muller hatte bei den US Open in der 1. Runde Andy Roddick sensationell in drei Sätzen eliminiert und kam danach kaum mehr vom Telefon weg wegen all der Gratulanten. Noch bevor er seine Gefühle sortieren und sich auf die nächste Aufgabe konzentrieren konnte, war er gegen Roddicks US-Landsmann Robby Ginepri chancenlos geblieben.

Falsche Entscheidungen und Verletzungen

Muller, der gerne Serve-and-Volley spielt, war schon immer für Überraschungen gut. Nachdem er das Jahr 2001 als weltbester Junior beendet hatte, erreichte er 2004 die Top 100, schlug unter anderem Andre Agassi. Im Folgejahr warf er Nadal in Wimbledon aus dem Turnier, ehe die Sternstunde gegen Roddick folgte. Der große Durchbruch blieb aber aus, auch weil der Linkshänder kein gutes Gespür bewies. Zum Beispiel, als er seine Trainingsbasis von Barcelona zurück in die Heimat verlegte und sein Ranking danach bald wieder dreistellig war. Es kamen ihm gar Rücktrittsgedanken, weil die Ausgaben die Einnahmen deutlich überstiegen. «Ich habe einige falsche Entscheidungen getroffen, als ich in meinen Zwanzigern war», sagte er im vergangenen Dezember.

Erst mit seinem Vorstoß in das US-Open-Viertelfinale 2008, wo er Federer unterlag, gelang Muller, der inzwischen in den USA trainierte, die Rückkehr unter die besten Hundert. Es folgte jedoch eine Seuchensaison mit einer Viruserkrankung und verschiedenen Verletzungen, die ihn zurückwarf. Gleiches widerfuhr ihm 2013, als der lädierte Ellbogen ihn bereits im Mai zum Saisonabbruch zwang. Es sollte sich als Glücksfall erweisen.

Der Wert der Pause

Nach dem Sieg am Montag gegen Nadal erklärte Muller: «Damals konnte ich während sechs Monaten keinen Tennisschläger anfassen. In dieser Phase arbeitete ich sehr hart an meiner Physis und stellte meine Ernährung um. Ich wurde stärker als je zuvor und spüre das auch jetzt noch.» Nach dreieinhalb Saisons ohne Probleme habe er «vollstes Vertrauen» in seinen Körper. Das widerspiegeln seine Resultate. Im vergangenen Januar in Sydney und im Juni in 's-Hertogenbosch feierte der Routinier seine ersten beiden Titel auf der ATP-Tour, mit Platz 26 ist er so gut klassiert wie nie zuvor.

Eine längere Zwangsabsenz, ein sauberer Aufbau, gefolgt von einer Renaissance auf dem Court – Muller machte vor, was Federer bestätigte: Dass eine Pause einer Karriere neuen Schwung verleihen und sie verlängern kann. Kürzlich sagte er: «Vor zwei Jahren dachte ich, es wäre verrückt, die Olympischen Spiele 2020 in Tokio ins Visier zu nehmen. Aber jetzt erscheint das gar nicht mehr so unrealistisch.»

Lenny und Lenny

Mit Federer, der den Rücktritt ebenfalls noch nicht ins Auge fassen will, verbindet Muller noch etwas. Als die beiden im März in Indian Wells zusammen trainierten und das Thema Kinder anschnitten, fanden sie heraus, dass beide einen Sohn mit dem Namen Lenny haben.

Damit nicht genug: Sie haben sogar beide am 6. Mai Geburtstag, wobei Mullers Filius (6) drei Jahre älter ist als sein Namensvetter. «Roger hat mich gar nicht um Erlaubnis gefragt, ob er seinen Sohn auch Lenny nennen darf», scherzte Muller während Wimbledon gegenüber SRF und fügte lachend an: «Ich muss wohl noch ein Hühnchen mit ihm rupfen.»

(L'essentiel/kai)

Public Viewing

Nach dem sensationellen Sieg von Gilles Muller über Rafael Nadal ist Luxemburg im Tennis-Fieber. Das Viertelfinale gegen Marin Cilic am Mittwochmittag ab 14.00 Uhr wird nun von einigen Gemeinden per Public Viewing übertragen.

Düdelingen wird auf dem Rathausplatz mitfiebern.

Die Stadt Luxemburg wird auf dem Place d’Armes einen großen Bildschirm aufstellen.

In Differdingen geht es auf dem Marktplatz rund.

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