Projekt «Querstadtein» – Obdachloser zeigt Touristen sein Berlin

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Projekt «Querstadtein»Obdachloser zeigt Touristen sein Berlin

Wo isst man in Berlin, wenn man kein Geld hat? Wo schläft man, wenn man kein Bett hat? Ein Obdachloser weiß Antworten. Er führt Touristen durch das Berlin der Penner.

Carsten Voss zeigt einer Gruppe Touristen «sein» Berlin.

Carsten Voss zeigt einer Gruppe Touristen «sein» Berlin.

Georg Dufner/querstadtein.org

Glaubt man den offiziellen Statistiken, leben in Berlin 4'000 Obdachlose. Die Hilfsorganisation Caritas spricht von 10'000. Noch vor zwei Jahren war Carsten Voss einer von ihnen. Heute ist der ehemalige Werber Mitinitiant des Projekts «querstadtein» und führt Touristen durch ein unbekanntes Berlin – das Berlin der Obdachlosen.

Voss kennt es gut. Nach einer Reihe von persönlichen Problemen – Burnout, Depression und Jobverlust – landete er auf der Straße. Heute zeigt er neugierigen Touristen, unter welchen Brücken sich am besten schlafen lässt, wenn man kein Geld für ein Hotel hat. «Diese Stadt hat mehr Brücken als Paris», sagt er der spanischen Zeitung «El Mundo». «Ich erkläre den Leuten aber, unter welchen Brücken sie sich auf keinen Fall aufhalten sollten, weil dort Neonazi-Gruppen oder Gangs verkehren.»

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Voss' Tour beginnt am Viktoria-Luise-Platz, ein Ort, an dem sich tagsüber viele Obdachlose aufhalten: «Hier gibt es öffentliche Duschen und ein Zentrum, in dem man Glasflaschen umtauschen kann. Dafür kriegt man etwas Geld, um als Obdachloser zu überleben. Es reicht aber nie, um ein neues Leben beginnen zu können.»

Für Katharina Kühn, die «querstadtein» zusammen mit einer Freundin lanciert hat, ist etwas besonders wichtig: «Eine Slum-Tour, ein Obdachlosen-Zoo-Projekt, wollen wir hier nicht schaffen», sagt sie im Interview mit «Spiegel Online». Sie habe sich von ähnlichen Projekten in Kopenhagen und London inspirieren lassen.

«Eine bereichernde Erfahrung»

Die Tour führt weiter zum Bahnhof Zoo. «Den kennt jeder aus dem Buch von Christiane F.», erklärt Carsten Voss. Es habe sich seitdem nichts verändert: «Drogen, Prostitution, Kriminalität gibt es hier nach wie vor – auch wenn inzwischen alles etwas schicker aussieht.»

Bei den Touristen kommt die alternative Stadtführung gut an: «Es ist unglaublich. Diese Menschen sind da, aber wir sehen sie nicht», sagen der Däne Ollech und seine Freundin. «Dieser Rundgang war eine sehr bereichernde Erfahrung.»

Tourleiter Voss ist mit dem Feedback zufrieden. Neben den Führungen arbeitet der Ex-Manager in einer Tagesstätte für Obdachlose. Er bekommt dafür eine Aufwandsentschädigung. Ansonsten lebt er von Hartz IV.

(L'essentiel Online/kle)

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