In Luxemburg – «Opfer von häuslicher Gewalt fühlen sich selten sicher»

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In Luxemburg«Opfer von häuslicher Gewalt fühlen sich selten sicher»

LUXEMBURG – Die Polizei muss praktisch jeden Tag wegen Fällen von häuslicher Gewalt eingreifen. Doch nicht immer werden Annäherungsverbote gegen den Täter verhängt.

Andrée Birnbaum ist die Geschäftsführerin der ASBL Femmes en détresse.

Andrée Birnbaum ist die Geschäftsführerin der ASBL Femmes en détresse.

Editpress/Isabella Finzi

Die Anzeige gegen den Täter bedeutet nicht unbedingt das Ende der Tortur für Opfer häuslicher Gewalt. Von den 715 Einsätzen, die die Polizei im vergangenen Jahr in Luxemburg verzeichnete, führten 217 zu einer «Fernhaltemaßnahme» (frz. mesure d'expulsion), also nur knapp ein Drittel.

Das Verfahren verläuft dabei in einem strengen, reglementierten Rahmen. So entscheidet die Staatsanwaltschaft aufgrund der Ermittlungen, ob ein Annäherungsverbot gegen den oder die Gewalttäter(in) verhängt wird: «Ein Beamter informiert den Täter darüber, dass er nicht mehr das Recht hat, nach Hause zurückzukehren oder die geschützte Person in welcher Form auch immer zu kontaktieren. Er muss alle Schlüssel und Geräte übergeben, die den Zugang zum Haus ermöglichen», sagte die Polizei.

Es fehlt an effektiven Schutzmaßnahmen für die Opfer

Diese Maßnahme ist jedoch per Definition zeitlich begrenzt. Sie ist nur vierzehn Tage lang wirksam. Auch wenn Verlängerungen möglich sind, darf die Gesamtlaufzeit des Annäherungsverbots drei Monate nicht überschreiten.

Das ist zu wenig, findet Andrée Birnbaum, Geschäftsführerin der ASBL Femmes en détresse: «Effektive Schutzmaßnahmen fehlen, und die Opfer fühlen sich selten sicher», erklärt sie und begrüßt die Verbesserung des bestehenden Gesetzes. So wünscht sich die Betreuerin beispielsweise aber auch eine stärkere Berücksichtigung von psychologischer Gewalt, die nicht oder nur sehr wenig in den Rechtsrahmen berücksichtigt wird.

Schließlich rückt noch das Thema Kinder in den Mittelpunkt: «Wenn ein Kind nicht als schutzbedürftige Person betrachtet wird, steht es in Kontakt mit dem Gewalttäter. Dies öffnet den Weg zu Manipulation und Schuldgefühlen gegenüber dem Opfer.»

(Thomas Holzer/L'essentiel)

Zahlen zu häuslicher Gewalt in Luxemburg:

- 56 Verurteilungen im Jahr 2017, 45 bis September 2018

- 715 Polizeieinsätze, in 217 Fällen musste der/die mutmaßliche Täter(in) der Wohnung verwiesen werden

- 89,1 Prozent der Opfer häuslicher Gewalt sind Frauen

- Zwei Drittel der männlichen Opfer wurden von einem anderen Mann attackiert

- 35 Mordandrohungen im Jahr 2017, 56 im Jahr davor

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