Toxoplasma gondii: Parasit könnte rücksichtsloses Verhalten im Straßenverkehr erklären

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Toxoplasma gondiiParasit könnte rücksichtsloses Verhalten im Straßenverkehr erklären

Der Erreger der Toxoplasmose verändert das Verhalten von Tieren – und wohl auch des Menschen. 30 Prozent der Weltbevölkerung soll infiziert sein.

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Der Einzeller Toxoplasma gondii verändert die Risikobereitschaft beim Tier und womöglich auch beim Menschen. (Symbolbild)

Der Einzeller Toxoplasma gondii verändert die Risikobereitschaft beim Tier und womöglich auch beim Menschen. (Symbolbild)

20min/Michael Scherrer
Positiv auf Toxoplasmose getestete Wölfe werden viel häufiger Rudelführer. Ihre Risikobereitschaft steigt.

Positiv auf Toxoplasmose getestete Wölfe werden viel häufiger Rudelführer. Ihre Risikobereitschaft steigt.

IMAGO/alimdi
imago images/J M Barres

Eine Krankheit, die ihr Opfer zum Chef werden lässt: An Toxoplasmose erkrankte Grauwölfe werden wesentlich häufiger zu Rudelführern als nicht infizierte Artgenossen. Das berichten US-amerikanische Wissenschaftler im Fachblatt «Communications Biology». Der Neuroparasit mache die Tiere wohl aggressiver, was im Kampf um die Führung von Vorteil sein könne. Mit dem Einzeller Toxoplasma gondii infizierte Wölfe werden demnach mit 46 mal grösserer Wahrscheinlichkeit Rudelführer.

Verhaltensveränderungen beim Menschen

Ob der Neuroparasit auch beim Menschen Verhaltensänderungen bewirkt, wird noch kontrovers diskutiert. Studien berichten unter anderem von einem rücksichtloseren Verhalten im Straßenverkehr bei Infizierten, einem größeren Drang zu Unternehmertum sowie von einem Zusammenhang zu pathologischem Jähzorn. All diese Untersuchungen zeigen allerdings nur Korrelationen, keinen ursächlichen Zusammenhang. Klar ist hingegen, dass der mit dem Malaria-Erreger verwandte Parasit bei den meisten Menschen keine Symptome oder nur leichtes Fieber auslöst. Es wird davon ausgegangen, dass 30 Prozent der Weltbevölkerung infiziert sind. Eine Studie des Robert Koch-Instituts ergab, dass die Hälfte der Deutschen entsprechende Antikörper im Blut hat, bei den über 50-Jährigen sind es sogar 70 Prozent.

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Infizierte Wölfe werden schneller unabhängig und risikofreudiger

Für die aktuelle Studie hatte das Team um die US-Biologen Connor Meyer und Kira Cassidy Daten zum Verhalten und der Verteilung von Grauwölfen analysiert, die zwischen 1995 und 2020 im Yellowstone-Nationalpark im US-Bundesstaat Wyoming gesammelt wurden. Zusätzlich nahmen sie Blutproben von 229 betäubten Tieren, die sie auf Antikörper gegen Toxoplasma gondii untersuchten. Endwirt des Parasiten sind sogenannte Katzenartige (Feliformia), zum Beispiel Pumas, die auch im Yellowstone-Nationalpark leben.

Vor allem beobachtete das Team, dass sich infizierte Wölfe risikoreicher verhielten. Dies äußerte sich zum einen in einer größeren Wahrscheinlichkeit, das Rudel früher zu verlassen, sowohl bei Männchen als auch Weibchen. Ein Verhalten, das mit Blick auf die Verbreitung des Erregers durchaus Sinn hat: Der Erreger gelange so eher in Gegenden, in denen er zuvor noch nicht kursierte.

Zum anderen beobachteten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dass positiv getestete Wölfe viel häufiger Rudelführer wurden. Der Parasit könnte die Testosteron-Level der Tiere erhöhen, vermuten sie. Mehr Risiken hinnehmende Anführer wiederum könnten ihre Gruppe eher in Gebiete führen, die sich mit Pumas überschneiden – wodurch der Parasit neue Chancen auf Ansteckungen bekomme.

Magisch angezogen vom Urin

Für andere Arten ist schon länger gezeigt, wie effektiv T. gondii seinen Zwischenwirt in die Nähe von Katzen lotst: Infizierte Mäuse und Ratten etwa fühlen sich vom Geruch von Katzenurin magisch angezogen und laufen ihren Fressfeinden buchstäblich ins Maul. Einen ähnlichen Mechanismus beobachtete ein Forschungsteam bei Schimpansen: Erkrankten diese an Toxoplasmose, übte Leopardenurin eine morbide Anziehungskraft auf sie aus. Und im vergangenen Jahr berichteten US-amerikanische Forscherinnen im Fachblatt «Nature Communications», dass eine Infektion Tüpfelhyänen-Welpen wesentlich sorgloser macht. Anstatt im sicheren elterlichen Bau zu bleiben, kommen sie Löwen gefährlich nahe – zu nahe: Infizierte Welpen würden wesentlich häufiger getötet, so die Wissenschaftlerinnen.

(DPA/weh)

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