Linda Chorney – Per Eigen-PR zur Grammy-Nominierung
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Linda ChorneyPer Eigen-PR zur Grammy-Nominierung

Indie-Heldin oder Selbsvermarkterin? Darf ein Künstler für sich selbst die Werbetrommel rühren, um eine Grammy-Nomination zu erlangen? Linda Chorney hat dies geschafft und sorgt damit für Zoff.

Eine bislang unbekannte Singer-Songwriterin hat in den Wochen vor der Grammy-Verleihung für eine Grundsatzdebatte in der amerikanischen Musikindustrie gesorgt: Darf sich ein Künstler selbst ins Gespräch für eine Nominierung bringen, bei den stimmberechtigten Mitgliedern der National Academy of Recording Artists (NARAS) die Trommel der Eigenwerbung rühren?

Linda Chorney hat es mit ihrem selbstproduzierten und im Eigenverlag veröffentlichten Doppelalbum «Emotional Jukebox» geschafft. Die 51-jährige hat dabei eine Social-Networking-Webseite der Akademie, Grammy365.com, genutzt, um sich und ihre Musik vorzustellen. Sie bekam dann genug Stimmen, um in der Kategorie Americana, bestes Album, nominiert zu werden.

Schlechter Stil?

Das war am 30. November vergangenen Jahres und bedeutet, dass sie bei der Gala am 12. Februar mit «Emotional Jukebox» gegen Größen wie Levon Helm, Emmylou Harris, Lucinda Williams und Ry Cooder im Rennen ist - Musiker, die bereits zwei Dutzend Grammys in ihrer Karriere gewonnen haben.

Die Frage, die nun in US-Musikkreisen hitzig diskutiert wird, ist: Hat Chorney gegen die ungeschriebenen Gesetze verstoßen, die Eigenwerbung ächten? Oder schreibt sie eine Fortsetzung des amerikanischen Traumes von der Do-it-yourself-Karriere?

«Es ist nicht cool»

Das Establishment hat unwirsch reagiert, bei ihren Auftritten wird sie hingegen als die «wahrhaft unabhängige Musikerin» im Grammy-Rennen bejubelt. «Es ist nicht cool», sagt Chorney über Reaktionen vor allem aus Nashville, dem Zentrum von Americana und Country in den USA. «Aber was soll ich machen?» Das Positive überwiege: «Ich habe Briefe von vielen Leuten in meinem Alter bekommen, die sagen, was für eine Inspiration ich für sie sei.»

David Macias, einflussreicher Mann hinter den Kulissen Nashvilles und selbst ein Grammy-Sieger, sieht durch Chorneys Nominierung dagegen die Glaubwürdigkeit der wichtigsten US-Musikpreise erschüttert. «Die Grammys laufen Gefahr, verwässert zu werden», sagt er.

NARAS-Präsident Neil Portnow bescheinigt Chorney dagegen, völlig legitim mit Grammy365.com eine neue Plattform genutzt zu haben. «Das zeigt, dass jeder eine Chance hat», erklärt Portnow. «Das ist die ganze Wahrheit.»

Karriere als Überlebenskünstlerin

Chorney blickt auf eine 30-jährige Laufbahn als Musikerin zurück, in der ihr Traum von einem lukrativen Plattenvertrag unerfüllt blieb. Dennoch hat sie alle sieben Kontinente bereist und sechs Alben veröffentlicht.

Durchgeschlagen hat sie sich unter anderem mit manchmal überraschend lukrativen Deals in Touristenzentren. Auch Tauschhandel waren dabei: Einmal wurde sie für ihre Musik mit Golf-Runden belohnt. «Singe für die Gebühr zur Benutzung des Golfplatzes, ernsthaft», bekräftigt sie. «Das ist ein alternativer Weg. Ich habe versucht, es in der (Musik-) Industrie zu was zu bringen, den tollen Plattenvertrag zu bekommen. Aber ich hatte auch ein ganz nettes Leben, überall in der Welt zu singen. Ich klettere gerne, ich war auf dem Mount Everest. Es hat sich also gelohnt.»

Freunde haben ihr auf ihrem Weg immer wieder weitergeholfen. Einer hat ihr einen Flugpass überlassen, mit dem sie sieben Jahre lang überall in der Welt umherfliegen konnte. Ein anderer, der Anästhesist Jonathan Schneider, hat ihre Grammy-Nominierung überhaupt erst möglich gemacht, indem er 80 000 Dollar für «Emotional Jukebox» zahlte. Dafür konnte Chorney gestandene Musiker wie Leon Pendarvis von der «Saturday Night Live»-Band, «Late Show»-Bassist Will Lee und die bekannte Session-Sängerin Lisa Fischer ins Studio holen. Neben acht eigenen Songs gibt es Covers von den Beatles, Led Zeppelin und den Rolling Stones, auf der zweiten CD ist eine Sinfonie.

«Ein 100-Dollar-Lottoschein»

Akademie-Mitglied wurde sie aufgrund des Tipps eines weiteren Freundes, ein anderer drängte sie, sich auf Grammy365.com vorzustellen. 1 500 der 12 000 stimmberechtigten Akademie-Mitglieder akzeptierten ihren Kontakt, damit ist Chorney nun aus dem Nichts im Rennen um einen Grammy. Die Mitgliedschaft für ein Jahr koste sie 100 Dollar. «Für mich ist Grammy365 ein 100-Dollar-Lottoschein», sagt sie. Und vielleicht gewinne sie damit den Hauptpreis.

Von den Plattenfirmen, Produzenten und Managern, deren Künstler mit dem Phänomen Chorney konfrontiert sind, waren keine Stellungnahmen zu erhalten. Macias räumt ein, dass er mit seiner Kritik als Spielverderber und Fiesling rüberkommen könne. «Es geht doch um die eine Frage: Für was stehen die Grammys», sagt er. «Ich denke ehrlich, die Leute haben für sie gestimmt, weil sie sie darum gebeten hat - und sie hat hart dafür gearbeitet. Und ich denke, die Stimmberechtigten haben - ich hasse es, das zu sagen - vielleicht nicht richtig aufgepasst.»

L'essentiel Online/Chris Talbott

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