In Syrien – Putin setzt auf Tschetschenien-Taktik

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In SyrienPutin setzt auf Tschetschenien-Taktik

Zuerst alle Alternativen ausschalten, dann grausam durchgreifen: Dieses Rezept aus Tschetschenien setzt Putin jetzt auch in Syrien um.

Russland setzt in Syrien Kampfflugzeuge und Truppen nicht nur ein, um seinen Stützpunkt in Latakia zu schützen. Präsident Wladimir Putin führt gleichzeitig einen Kampf gegen den militanten Islamismus – und das Vorbild ist der Krieg in Tschetschenien.

Der außenpolitische Kolumnist Jackson Diehl von der «Washington Post» hat unlängst auf den Modellcharakter des vergessenen Kriegs in der nordkaukasischen Republik hingewiesen. Anders als die gescheiterte Mission zu Sowjetzeiten in Afghanistan betrachtet Moskau den von 1999 bis in die späten Nullerjahre geführten Feldzug in Tschetschenien als modellhaft. Die russische Führung sehe in ihm «ein gutes, einzigartiges Beispiel in der Geschichte des Kampfes gegen den Terrorismus», sagte Premierminister Dmitri Medwedew vergangenes Jahr. Tschetschenien sei «eine der Visitenkarten Russlands».

Alternativen nicht geduldet

Die wesentlichen Elemente der in Tschetschenien erprobten Strategie werden laut Diehl nun auch in Syrien angewandt. Das wichtigste Prinzip dabei: Alternativen ausschalten.

Damals wie heute werden alle Kräfte, die sich dem von Moskau bevorzugten Machthaber widersetzen, als Terroristen gebrandmarkt und zur Vernichtung freigegeben.

In Tschetschenien gab es Alternativen zum heutigen Gewaltherrscher Ramsan Kadyrow. Wie sich Diehl erinnert, hatte dieser zwei nationalistische, säkularisierte Vorgänger. Dennoch habe Russland beide Politiker – und viele andere zudem – ermorden lassen.

«Wie kann man da von Zusammenarbeit reden?»

Dasselbe Rezept werde nun in Syrien befolgt, schreibt der Experte. Um Präsident Baschar al-Assad zu stützen, gehen russische Bomber bevorzugt gegen Stellungen Oppositioneller vor. Die ersten Angriffsflüge galten nicht der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), sondern den Resten der Freien Syrischen Armee (FSA). Diehl zitiert US-Präsident Barack Obama, der an einer Pressekonferenz über Putin sagte: «Er unterscheidet nicht zwischen dem IS und der lautigten Opposition, die Assad loswerden will. Aus ihrer Perspektive sind sie alle Terroristen.»

Der russische Außenminister Sergej Lawrow hat zwar am Samstag die syrische Opposition zur Zusammenarbeit im Kampf gegen den Islamischen Staat aufgefordert. Doch dem Beirut-Korrespondenten der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» berichtete ein FSA-Berater, dass noch am gleichen Tag die eigenen Stellungen von russischen Kampfflugzeugen bombardiert worden seien. «Wie kann man da von Zusammenarbeit reden?»

In Lawrows Avance erkennen Analysten vor allem den zynischen Versuch, die Opposition zu spalten, um sie zu besiegen.

Kadyrow will mit 20.000 «Kadyrowskis» nach Syrien

Die zweite nun repetierte Methode ist hemmungslose Brutalität. Nach einem Bericht der «International Crisis Group» machten sich russische Truppen in Tschetschenien der Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig. Es sei «wahllos beschossen und bombardiert» worden; es habe «Geheimgefängnisse, Entführungen, Maßengräber und Mordkommandos» gegeben.

Die oft ungenauen Bombardierungen syrischer Ziele spiegeln eine ähnliche Rücksichtslosigkeit, schreibt Diehl. Und falls Putin den Regler der Grausamkeit hochdrehen wolle, stünden willige Schergen bereit: Kadyrow habe den russischen Präsidenten um Erlaubnis ersucht, seine berüchtigte Privatarmee der 20.000 «Kadyrowskis» nach Syrien zu schicken. Laut «Russia Today» will Kadyrow selbst «dort hingehen und an Spezialmissionen teilnehmen.»

(L'essentiel/sut)

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