Protest gegen Banken – «Reißt die Gier der Wall Street herunter»

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Protest gegen Banken«Reißt die Gier der Wall Street herunter»

Tausende Demonstranten zogen am Mittwoch durch New Yorks Finanzdistrikt – auch die Gewerkschaften. Die Proteste endeten mit Stockschlägen und Pfefferspray.

«In dieser Show ist der Vorhang noch nicht gefallen», sagt Dennis Carbone, und seine Augen leuchten. Es ist Mittwochnachmittag, und das Stahlblau eines strahlenden Herbsttags wölbt sich über dem Zuccotti-Park im südlichen Manhattan. Der Alt-68er Carbone steht mit seiner Frau Elizabeth am Rand des täglich dichter bevölkerten Protestcamps und hält sein Transparent in die Luft mit der Aufschrift: «Reisst die Gier der Wall Street herunter, bevor sie die Welt herunterreisst.»

en beiden über 60-Jährigen ist unter den fast ausschliesslich Jugendlichen pudelwohl. Sie haben einst gegen den Vietnamkrieg protestiert, und sie sind froh, dass nun endlich wieder eine antikapitalistische Volksbewegung am Entstehen ist. Die Bewegung wird weiter wachsen, bis sie von aussen gestoppt wird, glaubt Carbone. «Am Ende wird die Nationalgarde einschreiten», sagt er voraus.

Dazu kommt es an diesem Mittwoch nicht. Aber die Polizei greift rabiat ein, als Teile des Protestzugs am späteren Abend in die abgesperrte Wall Street vordringen wollen. 17 Protestierenden werden nach Polizeiangaben verhaftet, zum Teil werden sie von den Cops arg ruppig angefasst.

Marihuana und murmelnde Hippies

Das Ende mit Gewalt bahnt sich Mitte Nachmittag noch nicht an. Gewiss ist der Zuccotti-Platz in der dritten Besetzungswoche dichter mit Protestierenden bevölkert als je zuvor. Aber es herrscht nach wie vor eine entspannte Jahrmarktatmosphäre. An einem Ende wabert Marihuana-Duft zwischen den Bäumen hindurch, am anderen summen Junghippies monoton zum Klang aus einem indischen Saiteninstrument.

In der bunt gemischten, führungslosen Protestgemeinde sind die verschiedensten Stimmen zu hören. Einer spricht wie ein Jungpolitiker, illustriert die Vergehen der Grossbanken gegen die Gesellschaft mit Grafiken auf Schautafeln. Ein anderer behauptet, die Bewegung sei weder links noch rechts, sondern es gehe ihr um Verantwortlichkeit. Die 24-jährige Katherine, eine Yogalehrerin, sorgt sich um die «Chemtrails», die mit Abgasen gefüllten Kondensstreifen hinter Flugzeugen. Ihr Freund Humo, 30, will die unterdrückte Energierevolution von Nicola Tesla zum Durchbruch bringen. Und Ivan, ein 36-jähriger Entertainer mit zwei Hunden, outet sich als Reicher: «Tut mir leid», sagt er grinsend, «aber ich bin einer von dem einen Prozent.»

«Occupy Wall Street» trifft einen Nerv

Damit ist er die Ausnahme, denn die anderen Demonstranten zählen sich alle zu den 99 Prozent, die wegen des ungleich verteilten Eigentums in den USA zusammen so viel besitzen wie das reichste Prozent. Die klassenkämpferisch klingende Ausgrenzung der Superreichen gegenüber einer notleidenden Mehrheit aller anderen gehört zu den Kernpunkten des Protests. Der andere ist die Kritik an der Gier der Wall Street, an den Gehältern der Finanzbranche. Und ebenso durchgängig findet sich die Forderung, das Geld gehöre aus der Politik entfernt. Politiker seien käuflich, und wahre Demokratie vertrage sich nicht mit der ungebremsten Einflussnahme des Kapitals auf den politischen Prozess.

«Occupy Wall Street», wie sich die Protestbewegung nennt, scheint mit ihrem Mix von Forderungen einen Nerv zu treffen. Sie hat sich in den letzten Tagen vervielfacht und auf weitere Städte ausgeweitet. In New York begegnen Bürger den Protestierenden mit auffallendem Wohlwollen. «Grossartig, dass etwas passiert», sagt der 72-jährige Martin Moore, der nördlich der Stadt lebt. «Es ist dasselbe wie in Ägypten», kommentiert lobend seine Frau Mary Porterhole.

Ein Protest auf dem Trottoir

Gegen fünf Uhr nachmittags setzt sich dann der Protestzug in Bewegung – in einem langen, dünnen Menschenstrom. Eskortiert wird er von Hunderten von Polizisten, die dafür sorgen, dass niemand das Trottoir verlässt und die Strassen betritt, durch die sich der abendliche Rush Hour-Verkehr zu wälzen beginnt. Passanten scheinen sich über nach wie vor fröhlichen Bannerzug mehrheitlich zu freuen. «Ich bin überrascht - positiv überrascht», sagt eine Frau, die gerade aus ihrem Büro kommt. «Besser als nur herumsitzen und nichts tun», sagt sie.

Beim Foley-Platz, den die Säulenportale der grossen Gerichtsgebäude säumen, treffen die Demonstranten mit Gruppen von Gewerkschaftern zusammen. «Die Jugend hat damit begonnen – jetzt kommt Labor hinzu», sagt der Union-Boss Dino Pentelucas. Der Nutzen sei gegenseitig, glaubt der frühere Lastwagenfahrer. «Sie haben uns dazu gebracht, unsere Ärsche zu bewegen, und ohne Gewerkschaften läuft nichts.»

Während die hinzuströmenden Demonstranten mit Trommeln und Blasmusik intonieren, sind von der Gewerkschaftsecke schrille Stimmen aus Megaphonen zu hören. «Yes, we can - si se puede», ist einer der Slogans, «enough is enough» - genug ist genug - ein anderer. Immer dichter füllt sich der Platz, immer lauter wird skandiert.

Schlagstöcke und Pfefferspray

Dann beginnt sich der auf mehrere tausend angewachsene Strom nach Süden zu bewegen. Einzelne Polizisten schätzten die Menge auf 5000 bis 7000 Menschen. Offizielle Zahlen gab es bislang noch nicht. Da man eine Bewilligung eingeholt hat, dürfen jetzt die Strassen benutzt werden. Der Zug bewegt sich ohne Probleme, bis dann beim Zuccotti-Park das Ende der bewilligten Route erreicht ist und Gruppen von Demonstranten nicht anhalten wollen.

Die brutalen Szenen, der vereinzelte Einsatz von Schlagstöcken und Pfeffersprays wird in den nächsten Tagen noch zu reden geben. Als erstes werden sie aber dafür sorgen, dass sich die Wut weiter ausbreitet. Ein Ende der Bewegung «Occupy Wall Street» ist nicht abzusehen.

L'essentiel Online /

(Martin Suter)

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