Legenden-Status – Ronaldos Krönung an der Seitenlinie

Publiziert

Legenden-StatusRonaldos Krönung an der Seitenlinie

Erstmals überhaupt triumphiert Portugal bei einer großen Endrunde. Cristiano Ronaldo erlangt den Status einer lebenden Legende auf etwas traurige Art.

Zwölf Jahre nach der Final­niederlage gegen Griechenland hat CR7 sein letztes großes sportliches Ziel erreicht: einen Titel mit der portugiesischen ­Nationalmannschaft. Was den Generationen um Eusébio in den 60er-Jahren oder Figo in den 90er- und Nuller-Jahren verwehrt blieb, das hat Cristiano Ronaldo geschafft.

Doch war es ein eigenartiger Triumph. Ronaldo bestritt zwar auf dem Weg in den Finale sechs Spiele über die volle Distanz, doch das Endspiel in Paris war für ihn nach 24 Minuten und einem (nicht geahndeten) Foul von Dimitri Payet vorbei. Tränenüberströmt wurde der Kapitän der Portugiesen vom Platz getragen. Laut spanischen Medienberichten zog sich der 31-Jährige eine Zerrung des Innenbandes im linken Knie zu. Eine schwere Verletzung liege nicht vor, hieß es.

Ein Sieg auch für Ronaldo

Zwei Stunden später weinte Ronaldo erneut, diesmal vor Freude. Denn seine Kollegen hatten bewiesen, dass sie mehr sind als nur Domestiken von CR7. Der Sieg ist auch eine Emanzipation von ihrem Superstar. Nörgler werden einwenden, der EM-Titel sei ­wenig verdient. Zu defensiv war das Auftreten der Portugiesen im gesamten Turnierverlauf. Zu schwach die Leistungen in den Gruppenspielen mit Unentschieden gegen Island, Ungarn und Österreich. Zu vorteilhaft die Tableau-Hälfte in den K.-o.-Spielen. Doch das ist kleinlich. Wer nach vier Wochen und sieben Spielen im Konfettiregen steht, der hat es verdient. Auch wenn er nur eines von sieben Spielen nach 90 Minuten gewinnen konnte.

«Assistenztrainer» Ronaldo schubst Coach Santos herum..

2004 waren das die ultra­defensiven Griechen. 2008 und 2012 die ballverliebten Spanier. Und 2016 die pragmatischen Portugiesen. Trainer Fernando Santos hat dem Team einen Plan mit auf den Weg gegeben. Für den 61-jährigen Ingenieur ist die Ästhetik zweitrangig. In Schönheit zu sterben wie die «Goldene Generation» von 2004 ist keine ­Option. «Saudade», dieses portugiesischste aller Gefühle, diese für Nicht-Lusitaner nur schwer zu übersetzende Mischung aus Sehnsucht, Melancholie, Schmerz, Nostalgie und Einsamkeit, gab es in der Vergangenheit genug.

(L'essentiel/Sandro Compagno)

Deine Meinung