Ukraine-Krieg: «Russische Elite will keinen Atomschlag, es gibt schlicht zu wenig Bunker»

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Ukraine-Krieg«Russische Elite will keinen Atomschlag, es gibt schlicht zu wenig Bunker»

Putin steht militärisch mit dem Rücken zur Wand. Experte Alex Dubowy erklärt, weshalb ein Atomschlag trotzdem unwahrscheinlich ist. Und weshalb er im Frühling mit einer neuen Offensive der Russen rechnet.

von
Daniel Graf
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An einem Atomschlag hat die russische Elite laut einem Experten kein Interesse. Dafür gebe es schlicht zu wenige Bunker.  Seit Kriegsbeginn haben Putin und Lawrow immer wieder mit Atomschlägen gedroht…

An einem Atomschlag hat die russische Elite laut einem Experten kein Interesse. Dafür gebe es schlicht zu wenige Bunker.  Seit Kriegsbeginn haben Putin und Lawrow immer wieder mit Atomschlägen gedroht…

REUTERS
…obwohl Putins Truppen laut dem Osteuropa-Experten Alexander Dubowy mit dem Rücken zur Wand stehen. 

…obwohl Putins Truppen laut dem Osteuropa-Experten Alexander Dubowy mit dem Rücken zur Wand stehen. 

AFP
Die Ukraine hat in einer seit Anfang der Woche dauernden Gegenoffensive nach eigenen Angaben rund 6000 Quadratkilometer Gebiet zurückerobert. 

Die Ukraine hat in einer seit Anfang der Woche dauernden Gegenoffensive nach eigenen Angaben rund 6000 Quadratkilometer Gebiet zurückerobert. 

Twitter/Ilia Ponomarenko

Wie sehen Sie den Kriegsverlauf für die kommenden Wochen?

Russland wurde massiv überrascht und steht militärisch mit dem Rücken zur Wand. Die Streitkräfte Russlands können nicht die ganze Frontlinie halten, ganz zu schweigen von größeren Offensiven. Sie haben bei den Rückeroberungen viel militärisches Gerät verloren. Russland wird sich weiter zurückziehen.

Wie kam es soweit?

Neben den Waffenlieferungen aus dem Westen hat die Ukraine einen großen Vorteil: Selenskyj mischt sich nicht in die Entscheidungen seiner Armeeführung ein. Putin hingegen will mittlerweile alle wichtigen Entscheidungen absegnen. Während also Profis die ukrainische Armee führen, zeigt sich zunehmend, dass Putins Kriegsführung stümperhaft ist.

«Es steht schlecht um die Rekrutierung neuer russischer Soldaten.»

Alex Dubowy 

Wie weit könnte der ukrainische Vorstoß gehen?

Das kommt auf die Entscheidungen Moskaus an. Die Angriffe der Ukraine konzentrieren sich derzeit auf den Nordosten. Doch Cherson im Südosten können die Russen nicht einfach aufgeben, sonst steht die ukrainische Armee bald wieder auf der Krim. Gleichzeitig will Russland die, wegen des Zugangs zum Asowschen Meer strategisch wichtige Stadt Mariupol, um jeden Preis halten. Donezk ist symbolisch wichtig. Die Armeeführung wird jetzt entscheiden müssen, wo sie ihre Verteidigung konzentriert.

Kann der Westen das Momentum nutzen?

Die Waffenlieferungen sind absolut zentral für den Erfolg der Ukraine. Aber: Gerade Europa ist mit einer Energie- und womöglich bald auch mit einer Wirtschaftskrise beschäftigt. Es ist fraglich, ob die Bevölkerungen der einzelnen Staaten vor diesem Hintergrund hinter weiteren Waffenlieferungen stehen werden. Die Ukraine wird beweisen müssen, dass die westlichen Waffen den entscheidenden Unterschied machen. Ihr Ziel ist es, bis zum Wintereinbruch so viele Gebiete wie möglich zurückzuerobern. Dann werden die Kriegshandlungen deutlich abnehmen.

Weshalb abnehmen?

Russland spielt auf Zeit. Der Winter wird den ukrainischen Streitkräften zu schaffen machen. Russland bombardiert gezielt zivile Infrastruktur, was die Ukrainer zur Unterstützung der Bevölkerung zwingt und sie verlangsamt. Den Winter will Russland nutzen, um sich neu zu formieren und weitere Kämpfer zu rekrutieren.

Wie gut gelingt das?

Schlecht. Das zeigt sich daran, dass die Wagner-Gruppe jetzt in Gefängnissen rekrutiert. Die «militärische Spezialoperation» Russlands wird zwar von der großen Mehrheit der Bevölkerung unterstützt, doch die Lust, selber an den Kriegshandlungen teilzunehmen, ist klein.

Wie wahrscheinlich ist der Einsatz von Massenvernichtungs- oder Atomwaffen?

Putin hat viel Macht, doch er ist kein allmächtiger Diktator. Einem Atomwaffeneinsatz müssten die russischen Eliten zustimmen. Das werden sie nicht tun, da es schlicht zu wenig Platz hat in den Atomschutzbunkern. Theoretisch ist der Einsatz taktischer Atomwaffen zur Abschreckung über unbewohntem Gebiet oder ungenutzten Gewässern möglich. Es ist jedoch äußerst fraglich, ob sich die Ukraine davon abschrecken lassen würde. Ein Atomschlag auf bewohntes Gebiet käme einer völligen, unkontrollierten Eskalation dieses Kriegs gleich. Das will Putin nicht. Massenvernichtungswaffen, wie die Vakuumbombe, hat er ja mutmaßlich schon eingesetzt. Doch sie sind extrem teuer und es ist fraglich, ob die russische Armee davon überhaupt noch welche besitzt.

«Ein Ende des Kriegs ist nicht in Sicht. Im Frühling ist mit einer neuen russischen Offensive zu rechnen.»

Alex Dubowy 

Sind Friedensverhandlungen keine Option?

Die Lage für Moskau spitzt sich zu und man wird an allen möglichen Optionen arbeiten. Doch Putin will keinen Frieden. Er will eine Atempause, um seine Streitkräfte neu zu organisieren. Und um das zu erreichen, hat er in diesem Krieg schon mehrfach «Friedensverhandlungen» zugestimmt.

Also ist kein Kriegsende in Sicht?

Leider nein. Putin hält an seinen Forderungen fest, auch wenn diese derzeit unrealistisch sind. Und Selenskyj wird Gebietsabtretungen nicht akzeptieren. Im Frühling ist mit einer erneuten Offensive der russischen Streitkräfte zu rechnen.

*Alexander Dubowy ist Politikanalyst und Osteuropa-Experte. 

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