Sicherheitsrat tagt: Verirrte russische Raketen? Tote bei Explosionen im Nato-Land Polen

Publiziert

Sicherheitsrat tagt Verirrte russische Raketen? Tote bei Explosionen im Nato-Land Polen

Nahe der ukrainischen Grenze sind möglicherweise zwei russische Raketen auf polnischem Gebiet eingeschlagen, zwei Menschen starben. Polen hat eine Sitzung des Sicherheitsrates einberufen.

Am Dienstagabend schlugen zwei russische Raketen auf dem Gebiet des Nato-Landes Polen ein.

20min/Melchior Kall

Nach Angaben eines hohen US-Geheimdienstvertreters sind zwei russische Raketen über die Grenze ins Nato-Mitgliedsland Polen geflogen. Es habe bei Explosionen zwei Tote gegeben, hieß es am Dienstag. Zuvor hatten polnische Medien berichtet, ein Geschoss sei in eine Getreidetrocknungsanlage in Przewodów eingeschlagen, einem Dorf nahe der Grenze zur Ukraine. Dabei habe es am Nachmittag zwei Tote gegeben.

In der Ukraine geht man klar von einem russischen Angriff aus. In seiner abendlichen Videoansprache sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj: «Heute haben russische Raketen Polen getroffen, das Territorium eines verbündeten Landes. Menschen starben. Bitte nehmen Sie unsere Beileidsbekundung an.» Das Abfeuern von Raketen auf Nato-Territorium sei «ein Angriff Russlands auf die kollektive Sicherheit». Dies bedeute eine «sehr erhebliche» Eskalation. Wir müssen handeln», sagte Selenskyj. Je länger sich Russland unanfechtbar fühle, desto größer würden die Bedrohungen für alle, die sich in der Reichweite russischer Raketen befänden.

Regierungssprecher Piotr Müller bestätigte den Bericht zunächst nicht, sagte jedoch, es sei  eine Dringlichkeitssitzung «wegen einer Krisenlage» ins Leben gerufen worden. Der Fall ist besonders heikel, weil Polen Mitglied des Nato-Bündnisses ist und für Fälle eines Angriffs auf einen Bündnispartner die Beistandspflicht nach Artikel 5 vorgesehen ist.  Ob dieser in Kraft tritt, entscheidet das Bündnis allerdings im Einzelfall. Bisher wurde Artikel 5, ein Eckpfeiler der Nato, nur nach den Anschlägen vom 11. September 2001 angewandt. 

Zudem versetzte Polen einen Teil seiner Streitkräfte in erhöhte Bereitschaft. Dies gelte auch für andere uniformierte Dienste, sagte ein Regierungssprecher am Dienstagabend in Warschau.

Nach Angaben aus dem Bündnis könnte sich die Regierung in Warschau theoretisch auf Artikel 4 des Nordatlantik-Vertrags berufen und eine Aussprache der 30 Verbündeten verlangen. In Artikel 4 sichern sich die Nato-Staaten «Konsultationen» in allen Fällen zu, in denen ein Mitglied «seine territoriale Integrität, politische Unabhängigkeit oder Sicherheit» gefährdet sieht. Daraus gehen aber nicht zwingend gemeinsame Schritte hervor.

Nato-Reaktion bleibt abzuwarten

Der Verteidigungsminister Lettlands, Artis Pabriks, schrieb nach den Raketeneinschlägen auf Twitter: «Mein Beileid an unsere polnischen Waffenbrüder. Das kriminelle russische Regime hat Raketen abgefeuert, die nicht nur auf ukrainische Zivilisten abzielen, sondern auch auf Nato-Gebiet in Polen gelandet sind.

Lettland steht voll und ganz an der Seite unserer polnischen Freunde und verurteilt dieses Verbrechen.» Zudem schrieb er, der Artikel 4 der Nato-Verordnung müsse in Kraft treten.

Auch das estnische Außenministerium reagierte auf den Raketeneinschlag und schrieb: «Estland ist bereit, jeden Zentimeter des Nato-Gebietes zu verteidigen. Wir sind in voller Solidarität mit unserem engen Verbündeten Polen.» Zudem versicherte Tschechien Polen seinen uneingeschränkten Beistand: «Wir stehen fest hinter unserem Verbündeten in EU und Nato», sagte Ministerpräsident Petr Fiala.

Die tschechische Verteidigungsministerin Jana Cernochova sagte der Onlineausgabe der Zeitung «Denik N», sie halte es für «erwiesen», dass es in Polen zu Raketeneinschlägen gekommen sei. Nun müsse untersucht werden, um welchen Typ von Rakete es sich handelt und ob eine gezielte Aktion, eine Provokation oder ein Irrtum dahinterstehe.

Pentagon prüft Berichte über Raketeneinschlag

Das US-Verteidigungsministerium prüft Berichte über den angeblichen Einschlag von zwei russischen Raketen in Polen. Die Presseberichte seien dem Pentagon bekannt, sagte ein Sprecher am Dienstag in Washington. Zum jetzigen Zeitpunkt habe das Ministerium aber keine Informationen, die diese Berichte bestätigen könnten. «Wenn wir ein Update zur Verfügung stellen können, werden wir dies tun», sagte der Sprecher weiter. Ein US-Geheimdienstvertreter hatte den Einschlag der russischen Raketen auf polnischem Staatsgebiet bereits bestätigt. 

Russland hat am Dienstag massive Angriffe auf die Energie-Infrastruktur der Ukraine geflogen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach von 85 Raketen, die zahlreiche Stromausfälle verursacht hätten. Unter anderem wurde Lwiw im Westen des Landes getroffen, das rund 50 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt liegt. 

Russland spricht von «Provokationen»

Das russische Militär hat Berichte über den Absturz angeblich russischer Raketen auf ein polnisches Dorf nahe der Grenze zur Ukraine als «gezielte Provokation» zurückgewiesen, mit dem Ziel, die Situation weiter zu eskalieren. Es seien keine Ziele im ukrainisch-polnischen Grenzgebiet beschossen worden, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau am Dienstagabend mit. Auch die in polnischen Medien verbreiteten Fotos angeblicher Trümmerteile hätten nichts mit russischen Waffensystemen zu tun.

Update folgt…

1 / 4
Die Raketen sollen bei einem Landwirtschaftsbetrieb eingeschlagen haben.

Die Raketen sollen bei einem Landwirtschaftsbetrieb eingeschlagen haben.

Twitter
Es soll zwei Todesopfer gegeben haben.

Es soll zwei Todesopfer gegeben haben.

Twitter
Bilder auf Social Media zeigen angeblich Splitter der Geschosse.

Bilder auf Social Media zeigen angeblich Splitter der Geschosse.

Twitter
(dpa/ap7trx )

Deine Meinung

2 Kommentare