Doping-Experte – «Schleck muss ein Blackout passiert sein»

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Doping-Experte«Schleck muss ein Blackout passiert sein»

LUXEMBURG - Der deutsche Doping-Experte Fritz Sörgel geht davon aus, dass Fränk Schleck enorme Schwierigkeiten haben wird, seine Vergiftungs-Theorie zu beweisen.

Wie haben Sie als Doping-Experte reagiert, als Sie gestern davon gehört haben, dass bei Fränk Schleck der Wirkstoff Xipamid nachwiesen wurde?

Prof. Dr. Fritz Sörgel, Pharmakologe und Leiter der Gesellschaft für therapeutische Forschung in Nürnberg: Ich dachte, da muss dem Schleck ein Blackout unterlaufen sein. Ein Profi weiß, dass die Labore auf Verschleierungsmittel hin testen. Außerdem ist das Labor in Paris erste Klasse und das ist in Sportkreisen bekannt. Das hätte ich in der Spitzengruppe der Tour-de-France-Fahrer nicht erwartet. Ich wurde eines Besseren belehrt.

Fränk Schleck selbst schrieb in einer ersten Reaktion, er sei «vergiftet» worden. Wäre ein solcher Anschlag auf ihn möglich?

Es wird kolportiert, dass es ein Rache-Akt gewesen sein könnte, weil gegen Bruyneel (Anmerkung der Redaktion: der Team-Manager von RadioShack) in der Armstrong-Affäre ermittelt wird. Dazu kann ich nichts sagen. Fakt ist: Wenn man eine Xipamid-Tablette im Mörser zerkleinert und sie unter Essen mischt, wird die Substanz vom Körper aufgenommen. Wenn man jemanden in Verlegenheit bringen möchte, ist das möglich. Die meisten Medikamente schmecken bitter. Wenn jemand ein Attentat auf ihn ausgeübt hat, dann muss Xipamid mit einem Nahrungsmittel vermischt worden sein, das den Geschmack übertünscht hat.

Wir müssen im ersten Moment davon ausgehen, dass Fränk Schleck das Mittel absichtlich genommen hat. Es gilt der Grundsatz: Jeder ist für seinen Körper selbst verantwortlich. Und wenn es ein Attentat war: Wie will er das beweisen? Dazu bräuchte er das Nahrungsmittel, in das die Substanz gemischt wurde. Und dann müsste er noch belegen, dass er es nicht selbst hineingemixt hat. Ich halte es für ausgeschlossen, dass ihm das gelingt.

Xipamid ist beispielsweise in Deutschland verschreibungspflichtig. Wie schwer ist es, an das Medikament zu gelangen?

Die Rezeptpflicht ist ja praktisch durch das Internet aufgelöst. Dort kann man alles beziehen, auch Xipamid. Es ist eine Substanz, die ein Arzt jedem ohne größere Überlegung verschreiben würde. Für die einen als Blutdrucksenker, für die anderen aufgrund der harnfördernden Wirkung.

Fränk Schleck möchte nun, dass die B-Probe untersucht wird. Kann diese ein anderes Ergebnis bringen als die erste Probe?

Das halte ich für ausgeschlossen. Ich wüsste keinen Fall, in dem die A- nicht mit der B-Probe übereingestimmt hätte. Der Nachweis eine Diuretikums ist sehr sicher. Bei Epo wäre das vielleicht schwieriger, weil die Sportler es geschickt in sehr niedrigen Dosierungen einsetzen.

Xipamid ist kein Dopingmittel und dient lediglich dazu, verbotene leistungsfördernde Wirkstoffe zu verschleiern. Wird in den Proben von Fränk Schleck nun vielleicht noch ein weiteres Mittel gefunden?

Die Frage, was verschleiert werden sollte, werden sich auch die Forscher im Pariser Labor stellen. Sie werden nun allen Ehrgeiz daran setzen, dies herauszufinden.

Welche Konsequenzen werden Ihrer Meinung nach für Fränk Schleck folgen?

Er muss vom Weltverband UCI gesperrt werden. Daran führt kein Weg vorbei. Ansonsten wird die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) Anzeige erstatten. Es wird auf jeden Fall ein Verfahren geben.

(Kerstin Smirr/L'essentiel Online)

Xipamid, ein Mittel zum Harnverdünnen

Mit der Einnahme von Diuretika - wozu das Mittel Xipamid gehört - hoffen Sportler, den Nachweis von Doping-Mitteln in ihrem Körper zu verhindern. Diuretika sind harntreibende Substanzen. Doper wollen durch die erhöhte Urinausscheidung einen «Verdünnungseffekt» von Doping-Mitteln erzielen, um eine Unterschreitung der analytische Nachweisgrenze für die verwendeten Substanz zu erreichen und einen positiven Nachweis unmöglich zu machen.

Die Einnahme von Diuretika zur Doping-Verschleierung stellt eine Manipulation einer Urinprobe dar. Deshalb wurde diese Substanzgruppe als verbotene Wirkstoffe auf die Doping-Verbotsliste gesetzt. Einen leistungssteigernden Effekt wird mit Diuretika nicht erzielt. Genutzt werden sie aber auch in Sportarten mit Gewichtsklassen (Gewichtheben, Boxen, Ringen, Judo etc.). Da mit der Einnahme das Körpergewicht reduziert werden kann, ist der Start in einer niedrigeren Klasse möglich.

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