Offene Fragen in Ferguson – Schoss der Polizist kaltblütig oder aus Angst?

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Offene Fragen in FergusonSchoss der Polizist kaltblütig oder aus Angst?

Die gewalttätigen Proteste in Ferguson werden durch die Ungewissheit über den Tathergang genährt. Zwei Szenarien stehen sich gegenüber.

Am Dienstag erschoss erneut ein Polizist einen Afroamerikaner beim Vorort Ferguson von St. Louis – während die Umstände des Todes von Michael Brown immer noch im Dunkeln liegen. Für die allnächtlich Protestierenden ist klar: Der unbewaffnete schwarze Teenager Brown wurde vor zehn Tagen auf offener Straße vom weißen Polizisten Darren Wilson erschossen, während er die Hände in die Höhe hielt. Aufgebrachte Bürger und viele Angereiste fordern, dass gegen den Todesschützen Anklage erhoben wird.

Dass die formelle Beschuldigung bisher ausgeblieben ist, deutet darauf hin, dass über den Tathergang nach wie vor große Unklarheit besteht. Auch die von Browns Familie in Auftrag gegebene Obduktion des Opfers lässt keine eindeutigen Rückschlüsse über den Verlauf der letzten Sekunden von dessen Leben zu. Hier die aktuelle Informationslage:

Was unbestritten ist:

Michael Brown, 18, ist am Samstag, 9. August gegen Mittag mit seinem Freund Dorian Johnson unterwegs. Er besucht den Gemischtwarenladen Ferguson Market & Liquor und stiehlt eine Packung Zigarren im Wert von rund 50 Dollar. Ein Video zeigt, wie Brown den Manager des Ladens am Kragen packt und gegen ein Regal drückt.

In seinem Streifenwagen sieht Polizist Darren Wilson, 28, wenig später, wie die zwei Männer in der Mitte des Canfield Drive spazieren. Er fährt auf sie zu, rollt die Seitenscheibe herunter und befiehlt ihnen, die Fahrbahn freizugeben und am Straßenrand zu gehen. Danach kommt es zu einem Handgemenge beim Auto, in dessen Verlauf sich ein Schuss löst. Wenig später werden aus Wilsons Waffe sechs Schüsse auf Brown abgegeben. Dann liegt dieser tot am Boden.

Tathergang laut Augenzeugen:

Laut Dorian Johnson fährt Wilson nach der ersten Aufforderung weiter, legt dann aber den Rückwärtsgang ein und stellt den Streifenwagen quer – ganz nahe vor die zwei Männer. Als er die Tür öffnen will, prallt sie gegen Brown und schließt sich wieder. Da versucht Wilson, durch das offene Fenster Brown am Hals zu packen.

Wilson ergreift seine Pistole und droht, er werde Brown erschießen. Fast gleichzeitig drückt er ab. Darauf rennen die zwei Männer vom Auto weg, Wilson feuert erneut. Brown dreht sich um, hält die Hände in die Höhe und sagt: «Ich habe keine Waffe, hör auf zu schießen.» Doch der Polizist schießt weiter.

Johnsons Aussage wird von anderen Zeugen im Grundsatz bestätigt, so auch von der Anwohnerin Piaget Crenshaw, die den toten Brown von ihrem Fenster aus filmte (siehe Video oben).

Polizeiversion des Tathergangs:

Dem Radiosender KFTK in St. Louis erzählte die Hörerin Josie, wie ihr die Frau des Polizisten Wilson den Tathergang schilderte. Demnach will Wilson aus dem Streifenwagen aussteigen, doch Brown drückt die Tür wieder zu. Dann schlägt Brown den Polizisten durch das Autofenster ins Gesicht und greift nach dessen Waffe. Ein Schuss löst sich im Auto.

Als sich die Teenager entfernen, steigt Wilson aus, richtet die Waffe auf sie und ruft: «Freeze!» (Stehen bleiben!). Die zwei drehen sich um, und Brown beginnt, den Polizisten zu verhöhnen; er sagt ihm, er werde es nicht wagen, ihn zu verhaften. Dann sprintet Brown auf Wilson zu. Erst in diesem Moment gibt Wilson weitere Schüsse ab.

CNN konnte bestätigen, dass Josies Schilderung mit jener übereinstimmt, die Wilson seinen Vorgesetzten erzählte. Sollten die Staatsanwälte dieser Darstellung glauben, wonach Michael Brown der Angreifer war, dürften die Proteste noch eine Weile anhalten.

(L'essentiel)

Erneut ein Schwarzer erschossen

Unweit der von Unruhen erschütterten Kleinstadt Ferguson ist ein Mann von Polizisten erschossen worden. Der Afroamerikaner habe vor den Beamten mit einem Messer herumgefuchtelt und sich geweigert, die Waffe niederzulegen, teilte Polizeisprecher Ed Kuntz mit. Seine Kollegen seien zuvor am Dienstag zu einem Ladenraub in der Nähe von St. Louis gerufen worden. Später versammelte sich eine große Menschenmenge an dem Schauplatz, einige skandierten «Hände hoch, erschießt mich nicht!»

Seit der 18-jährige Afroamerikaner Michael Brown am 8. August vom weissen Polizisten Darren Wilson erschossen wurde, herrscht in Ferguson der Ausnahmezustand. Nahezu jeden Abend kam es zu Ausschreitungen, die von Plünderungen und Sachbeschädigungen begleitet waren.

Ein Gericht beginnt am Mittwoch, Beweise im Fall Brown aufzunehmen. Möglicherweise wird auch entschieden, ob der Polizist Wilson angeklagt wird. (SDA)

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