Sektenspezialist – «Scientology ist froh, auf Stars zu zählen»

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Sektenspezialist«Scientology ist froh, auf Stars zu zählen»

LUXEMBURG - Was macht Scientology so gefährlich? Und gibt es auch im Großherzogtum Anhänger? Antworten von Pfarrer Paul Goerens, der sich mit religiösen Bewegungen beschäftigt.

«L’essentiel Online»: Handelt es sich bei Scientology um eine Sekte?

Pfarrer Paul Goerens, Kommission «Nouvelles Religiosités et Évangélisation» innerhalb der katholischen Kirche Luxemburg: Die Gruppe hat sektiererische Züge. Das Hauptproblem bei Sekten ist, dass sie Menschen in ihrer Freiheit des Denkens und Handelns so einschränken, dass diese sich unterwerfen. Es ist schwer, wieder herauszukommen. Die Außenwelt wird äußerst negativ dargestellt und es wird behauptet, dass ausschließlich die Organisation die Wahrheit besitzt. Scientology verspricht Menschen Macht und Erfolg. Die Organisation gibt vor, den Menschen auf dem Weg zum Ziel zu helfen. Aber der Mensch wird das Ziel nie erreichen. Zugleich ist dieser Weg sehr kostspielig.

Viele steigen relativ schnell wieder aus, wenn sie merken, dass sie das Geld kostet und die Versprechungen nicht in Erfüllung gehen. Schwierig wird es für die, die lange dabei bleiben. Wenn jemand die Kursgebühren nicht bezahlen kann, wird er dazu eingeladen, für Scientology zu arbeiten. Dann entsteht eine finanzielle Abhängigkeit. Das eigentliche Ziel der Gruppe ist es, den Menschen zu manipulieren, um ihm das Geld aus der Tasche zu ziehen.

In den USA werben Scientology-Mitglieder auf der Straße um neue Mitglieder, Stars wie John Travolta präsentieren sich öffentlich als Anhänger. In Europa sieht das anders aus...

Ja, in den USA wird Scientology als Religionsgemeinschaft angesehen, wodurch sie steuerliche Begünstigungen erfährt. Dennoch hat sie dort kein positives Ansehen. In den meisten Ländern Europas wird die Organisation kritisch betrachtet. Hier ist Scientology lediglich in Großstädten präsent, vor allem innerhalb ihrer Gebäude. In Frankreich gibt es ein Gerichtsurteil gegen den Scientology-Gründer wegen Betrugs. In Deutschland steht sie unter der Beobachtung des Verfassungsschutzes. Weder in den USA noch in Europa hat Scientology aber ein riesiges Gewicht. Finanziell geht es ihr in Europa immer schlechter. In den USA gibt es Krach mit den derzeitigen Führern, hochrangige Mitglieder sind ausgestiegen. Es scheint mir, dass die Gruppe insgesamt viel mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht, als ihr Einfluss es verdienen würde.

Hat Scientology auch in Luxemburg Anhänger?

In Luxemburg habe ich seit Jahren nichts mehr von der Gruppe gesehen. Es gab einige Personen, die Kontakte zu Scientology hatten. Einer von ihnen meldete sich gelegentlich in der Öffentlichkeit und handelte unter anderem mit scientologischen Produkten.

Sind Promis wie Tom Cruise oder John Travolta, die sich zu Scientology bekennen, lediglich Werbefiguren?

Ich denke schon, dass sie ein Aushängeschild sind. Scientology ist froh, auf solche Stars zählen zu können, die aber wohl auch mitmachen. Tom Cruise hat dabei nicht immer eine glückliche Figur abgegeben. Vor Jahren gab er ein TV-Interview, in dem er anfing zu lachen. Das war eher lächerlich denn publikumswirksame Werbung. Ich denke, dass diese Stars überzeugt davon sind, dass Scientology ihnen etwas gebracht hat. Das sind keine bezahlten Werbeträger.

Die Noch-Ehefrau von Tom Cruise, Katie Holmes, hat sich angeblich von ihm getrennt, um ihre sechsjährige Tochter Suri vor dem Einfluss der Scientologen zu schützen. Ist das nachvollziehbar?

Ja, wenn der Vater Scientologe ist, besteht wahrscheinlich die Gefahr, dass das Kind auf den scientologischen Weg gerät. Es gibt bereits Bücher und Lehrmethoden für Kinder. Es könnte in ein System eingeführt werden, in dem Unterwürfigkeit herrscht. Es gibt eine Übung, in der ein Kind stundenlang von einem Erwachsenem an der Hand in einem Raum von einer Wand zur nächsten geführt wird. Das ist eine absurde Übung. Es ist vorstellbar, dass sie aber recht nützlich ist, wenn man einem Kind beibringen will, auch noch die dümmste Anweisung ohne Widerspruch zu befolgen.

Tom Cruise über Scientology:


Quelle: Youtube.

Die ARD zeigte 2010 den Aussteiger-Spielfilm «Bis nichts mehr bleibt» über Scientology:


Quelle: Youtube.

(Kerstin Smirr/L'essentiel Online)

Urteil in Frankreich

Die umstrittene Scientology-Organisation ist in Frankreich wegen bandenmäßigen Betrugs zu insgesamt 600 000 Euro Geldstrafe verurteilt worden. Ein Pariser Berufungsgericht hat im Februar 2012 eine entsprechende Entscheidung aus erster Instanz bestätigt.

Die Richter sahen es als erwiesen an, dass sich zwei Unterorganisationen mit illegalen Mitteln bereichert hatten. Sie sollen unter anderem in den 90er Jahren eine Frau dazu verleitet haben, in kurzer Zeit mehr als 21 000 Euro für Bücher, Medikamente und Kurse zur Lebensbewältigung auszugeben. Das betroffene Celebrity Centre von Scientology in Paris bezeichnete das Verfahren als Schauprozess.

Zehn Millionen oder doch nur 200 000 Scientologen?

Scientology folgt streng den Lehren des Science-Fiction-Autors L. Ron Hubbard (1911-1986), der sie 1954 in den USA gründete. Zur Organisation zählen neben «Scientology-Kirchen», den sogenannten Orgs, den «Missionen» und «Celebrity-Centern» fast ein Dutzend weitere Initiativen und Vereine.

Scientology hat nach eigenen Angaben zehn Millionen Anhänger in mehr als 150 Ländern, unabhängige Stellen gehen von weltweit maximal 200 000 Scientologen aus. In den USA bekannten sich 2001 nach Schätzungen von US-Medien etwa 55 000 Menschen zu der Organisation, 2008 noch 25 000. In der Bundesrepublik hat sich die Zahl der Mitglieder nach Angaben der Bundesregierung von bis zu 6000 (2005) auf 4500 (2011) verringert. Dem widerspricht die «Scientology Kirche Deutschland e.V.». Die Mitgliederzahl in Deutschland habe sich leicht auf 12 000 aktive Scientologen erhöht. (dpa)

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