Nobelpreisträger in Luxemburg – «Selbst mein Name wird in China zensiert»

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Nobelpreisträger in Luxemburg«Selbst mein Name wird in China zensiert»

LUXEMBURG - Der chinesischstämmige Literatur-Nobelpreis-Träger Gao Xingjian stellt in Luxemburg aus. Ein Gespräch über seine Kunst und schrillen Protest à la Ai Weiwei.

Literatur-Nobelpreis-Träger Gao Xingjian stammt aus China, lebt aber seit 25 Jahren in Europa.

Literatur-Nobelpreis-Träger Gao Xingjian stammt aus China, lebt aber seit 25 Jahren in Europa.

Editpress

Herr Xingjian, Sie stammen aus China, sind seit 14 Jahren Franzose und Literatur-Nobelpreisträger. Was bringt Sie nach Luxemburg?

Ich stelle in der Galerie Simoncelli aus und habe gerade in Luxemburg einen Gedichtband auf Französisch mit dem Titel «Deuil de la Beauté» herausgegeben. Am Donnerstagabend nehme ich beim Poesiefestival in der Abtei Neumünster teil und zeige einen Kurzfilm (siehe Infokasten). Zu der Zusammenarbeit ist es gekommen, als ich vor zwei Jahren den einen europäischen Ehrenpreis bekommen habe.

Welchen Eindruck haben Sie als Weltbprger von Luxemburg?

Es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen meiner Kunst und Luxemburg. Beide sind sehr europäisch. In Luxemburg wird sehr viel Wert darauf gelegt, dass Altes weiterbestehen kann. Es wimmelt von Kultur und Architektur, die nicht von modernen Fertigungen gestört wird. Das hat einen starken Eindruck auf mich gemacht.

Hat Ihre chinesische Heimat keinen Einfluss mehr auf Ihr Werk?

Immer weniger. Seit einem Vierteljahrhundert bin ich dort nicht mehr zu Hause, ich lebe in Paris und bin ständig in der ganzen Welt unterwegs. Was mich interessiert, ist vielmehr das alte Europa. Es hat so einen großen Einfluss auf die ganze Welt, schon seit der Renaissance. Das ist übrigens schon seit meiner Kindheit so. Ich stamme aus einer sehr weltoffenen Familie und bin mit westlicher Kunst aufgewachsen.

Sie haben Einreiseverbot in China. Träumen Sie davon, eines Tages in Ihre Heimat zurückzukehren?

Nein, das ist interessiert mich überhaupt nicht mehr. Alle meine Bücher und selbst meine Name werden in China zensiert. Was sollte ich dort? Das ist einfach dumm!

Gibt es denn Menschen in China, die Ihre Werke lesen oder wahrnehmen?

Ich habe noch immer viele Freunde in China. Sie haben immer einen Weg gefunden, trotz der Zensur an meine Werke zu kommen.

Ist es gut möglich, im heutigen China als Künstler zu arbeiten?

Es gibt viele, die es tun. Aber es gibt einen Unterschied, ob man künstlerisch aktiv ist oder tatsächlich Meinungsfreiheit genießt.

In der Presse war bei uns viel über den Fall Ai Weiwei zu lesen. Was halten Sie als politisch eher stiller Künstler von einer solchen Mediatisierung?

Ai Weiwei hat viel mit seiner Kunst protestiert, aber er ist lange nicht der einzige. Für mich ist das nichts, meine Kunst ist nicht politisch. Sie geht über die Politik hinaus und soll die Natur des Menschen im Ganzen berühren.

Sie sind Schriftsteller, Dichter, Regisseur, Dramaturg und Maler – an welche Kunstform trauen Sie sich nicht heran?

An die Musik. Ich habe zwar als Kind Geige gespielt. Um richtig Musik zu machen braucht man unglaublich viel Technik. Zum Üben habe ich keine Zeit.

Welchen Rat würden Sie aus ihrer Lebenserfahrung als Universalkünstler und Kenner verschiedener Systeme heraus Jugendlichen von heute mitgeben?

Es reicht nicht, sich mit dem Internet zu beschäftigen. Man sollte wirklich viel lesen. Ich habe das seit meiner Kindheit getan und liebe Bibliotheken. In einer Woche verschlinge ich zwei Säcke Bücher.

(Sarah Brock/L'essentiel Online)

Wer ist Gao Xingjian?

Geboren 1940 in Ganzhou in China, seit 1987 lebt er in Paris.

Französischer Staatsbürger seit 1998.

Während Maos Kulturrevolution wurde er in ein Lager und dann als Landarbeiter auf ein Dorf geschickt.

Im Jahr 2000 erhielt Xingjian den Nobelpreis für Literatur.

Er verdient seinen Lebensunterhalt mit Literatur und Malerei.

Ein Treffen mit Gao Xingjian

Ein Treffen mit dem Nobelpreisträger findet am Donnerstagabend, 13. September, um 20 Uhr in der Abtei Neumünster statt.

Dort wird sein Film «Après le deluge» gezeigt und er wird mit einer «Renaissance-Goldmedaille» geehrt.

Ab Freitag stellt Gao Xingjian in der Galerie Simoncini, 6, rue Notre Dame, (unterhalb des Knuedler) aus.

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