Helfer unter Verdacht – Sexuelle Übergriffe in Asylheimen mehren sich

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Helfer unter VerdachtSexuelle Übergriffe in Asylheimen mehren sich

Viele Frauen fühlen sich in den deutschen Asylzentren nicht mehr sicher - die Angst vor sexuellen Gewalttätern wächst. Ein Experte sieht auch Kindesmissbrauch als «großes Problem».

Den Frauen und Kindern soll geholfen werden: Eine Flüchtlingsfamilie in Deutschland. (Archivbild) (Bild: Keystone/Michael Probst)

Den Frauen und Kindern soll geholfen werden: Eine Flüchtlingsfamilie in Deutschland. (Archivbild) (Bild: Keystone/Michael Probst)

Rund 500 Flüchtlinge leben in Hessens größtem Asylheim in Gießen. Zusammen leben die Geflohenen auf engstem Raum. Der Alltag scheint aber vor allem von einem Gefühl geprägt zu sein: Angst. Das berichtet das Nachrichtenmagazin Der Spiegel. Von Vergewaltigungen, Zwangsprostitution und Kindesmissbrauch ist die Rede. Mindestens 15 Frauen und Kinder sollen in den vergangenen Wochen in der Asylunterkunft in Gießen sexuell missbraucht worden sein. Viele Frauen fühlen sich nicht sicher, gehen nicht mehr alleine zur Toilette und schlafen in Kleidung. Die Polizei ermittle zwar gegen einen Asylbewerber, bestätigt sei aber noch nichts, schreibt der Spiegel. Auch Frauenverbände warnen vor «unzähligen Vergewaltigungen» in der Erstaufnahme. Doch wie schützt man sich vor sexuellen Übergriffen?

Die Gefahr für sexuellen Missbrauch in Flüchtlingsheimen sei vor allem aufgrund der fehlenden klaren Strukturen und Regeln so groß, sagt der Kindesmissbrauchsverantwortliche der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, dem Spiegel. Der Zugang zu den Einrichtungen sei nicht ausreichend geregelt, so könnten sich freiwillige Helfer zur Kinderbetreuung anmelden und sich somit die Nähe der Buben und Mädchen erschleichen, so Rörig weiter.

Checklisten sollen Gefahren mindern

«In den meisten betroffenen Ländern ist die Sexualität immer noch ein Tabuthema.» Bei Kindern sei das insofern dramatisch, als die meisten von ihnen nie richtig aufgeklärt wurden, sagt Rörig weiter. Zudem getrauten sich Flüchtlinge nicht, Übergriffe zu melden – das Vertrauen zu Staat und Polizei sei gestört.

Sogenannte Checklisten sollen die Betreiber der Unterkünfte sensibilisieren, erzählt Rörig weiter. «Darin fordere ich zum Beispiel, dass eine alleinerziehende Mutter separat mit ihrem Kind untergebracht wird.» Weiter fordert er getrennte Duschen und eine Ansprechperson in jeder Unterkunft, an die sich mutmassliche Opfer wenden könnten. «Um sexuellen Missbrauch vorzubeugen, sollen freiwillige Helfer ein Führungszeugnis oder wenigstens eine Selbstverpflichtung vorlegen.» Die verantwortlichen Organisationen hätten positiv auf seine Vorschläge reagiert, so Rörig. Nun sei es eine Frage der Organisation und schließlich – wie bei allem – des Geldes. Ihm sei einfach wichtig, dass endlich gehandelt werde.

Das Problem der sexualisierten Gewalt in Asylunterkünften ist auch in anderen europäischen Ländern wie Belgien oder der Schweiz virulent. In Luxemburg wurden bisher keine Berichte über Opfer derartiger Übergriffe bekannt.

Link:
Spiegel Online

(L'essentiel/nab)

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