Vergewaltigte Inderin – «Sie flüsterte noch 'Mummy, es tut mir leid'»

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Vergewaltigte Inderin«Sie flüsterte noch 'Mummy, es tut mir leid'»

Der Vater der in Neu Delhi vergewaltigten Studentin erzählt von den letzten Stunden mit seiner Tochter. Ihre Peiniger stehen heute vor Gericht.

Die Welt kennt sie als die «Vergewaltigte von Neu Delhi» oder als «Tochter Indiens». Die junge Frau, die am 29. Dezember gestorben ist, hat in Indien einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Ihre traurige Geschichte steht sinnbildlich für die vielen Frauen, die in Indien täglich vergewaltigt, misshandelt und geschändet werden.

Wer ist die 23-jährige Medizinstudentin, die am 16. Dezember von fünf Männern und einem Teenager vergewaltigt und dann mit einem Eisenrohr verprügelt wurde? Aus rechtlichen Gründen bleibt ihr Name geheim. Ihre Familie billigte allerdings den Vorschlag eines Ministers, das revidierte Anti-Vergewaltigungsgesetz nach ihr zu benennen. «Wenn ihr Name ehrenvoll verwendet wird, dann haben wir keine Einwände», meinte der Vater laut «The Times of India».

Die ganze Familie ist untröstlich über den Tod ihrer Tochter. Sie kommt aus relativ armen Verhältnissen und zog 1983 vom armen Uttar Pradesh nach Neu Delhi – auf der Suche nach einem besseren Leben. Doch jetzt, fast 30 Jahre später, stehen die Familienmitglieder vor dem Ganges, die Asche ihrer Tochter und Schwester in den Fluss streuend.

«Sie hat einen Unfall gehabt»

In einem Interview mit BBC erzählt der Vater von ihr.

«Sie war tapfer, hatte keine Angst, sie war voller Leben», schluchzt er. Sie habe schon als Kind Ärztin werden und im Dorf ihrer Herkunft ein Krankenhaus bauen wollen. Bildung sei für sie das Ticket für ein besseres Leben gewesen. Sie habe Tag und Nacht gelernt. Der Vater: «Einmal fragte ich sie: Wer sind deine Freunde? Und sie antwortete: Dad, nur die Bücher sind meine Freunde.» Ihr älterer Bruder, der sie als letzter vor der tödlichen Attacke im Bus gesehen hatte, hat sie stets für ihren Ehrgeiz und ihre Kampfeslust bewundert.

Der 16. Dezember werde er nie mehr vergessen. «Meine Schwester kommt normalerweise um 20 Uhr abends nach Hause. Wenn sie sich jeweils verspätet hatte, rief sie an.» Doch am Tag des scheußlichen Verbrechens war alles anders. «Da rief sie um 19 Uhr an, um mitzuteilen, dass sie etwas später kommen werde. Als ich sie nach 20 Uhr anrief, antwortete niemand», erzählt der jüngere Bruder traurig.

Einige Stunden später rief das Safdarjung Krankenhaus an. «Man sagte uns, sie hätte einen Unfall gehabt», sagte der Bruder. Nach ihrer Einlieferung war sie zwei Tage lang im Koma, bevor sie wieder zu Bewusstsein kam. An Weihnachten dann, im Krankenhaus von Singapur, habe er, der Bruder, zum letzten Mal mit ihr gesprochen. Mit dem Finger habe sie in die Höhe gedeutet. «Sie signalisierte, dass sie in den Himmel gehen werde.»

«I am sorry»

Der Vater erinnert sich, dass sie Hunger hatte und nach Toffee fragte. Doch Essen war nicht erlaubt. Der Arzt meinte, ob sie stattdessen einen Lollipop wollte. Sie sagte, ja. Sie habe vor allem mit ihrer Mutter gesprochen – in Bruchstücken, denn das Reden fiel ihr zunehmend schwerer. Eines Tages flüsterte sie ihr zu: «Mummy, es tut mir leid, es tut mir leid.»

Verschiedene Medien haben das Gerücht kolportiert, dass die Studentin bald heiraten wollte. Dies sei nicht wahr. Laut Vater wollte sie warten, bis ihre zwei Brüder die Schule abgeschlossen haben. Für sie stehen die nächsten Prüfungen an. Doch an diese können die beiden Brüder nicht denken. Einer meinte resigniert: «Ich habe all meine Kraft zu denken und fühlen verloren.»

Knapp eine Woche nach dem Tod des indischen Vergewaltigungsopfers ist am Donnerstag in Neu Delhi Anklage wegen Mordes gegen fünf Beschuldigte erhoben worden. Sie müssten sich außerdem wegen Gruppenvergewaltigung, Entführung und weiterer Straftaten verantworten, berichtete der Nachrichtensender CNN-IBN. Bei dem sechsten Beschuldigten sollte überprüft werden, ob er wie von ihm angegeben minderjährig ist. Dann würde er vor ein Jugendgericht gestellt. Den volljährigen Beschuldigten droht die Todesstrafe. Ein neues Schnellgericht soll über sie urteilen.

(L'essentiel Online/kub/dpa)

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