Todesfahrt vor Gericht – «Sie hat geschrien: Jetzt habe ich alle getötet»
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Todesfahrt vor Gericht«Sie hat geschrien: Jetzt habe ich alle getötet»

TRIER – War es ein tragischer Unfall oder kaltblütige Absicht? Im Prozess um eine folgenschwere Autofahrt gab es jetzt in Trier die ersten Aussagen.

Die wegen Mord angeklagte Sarah D. (Mitte) mit ihren Anwälten vor dem Trierer Landgericht.

Die wegen Mord angeklagte Sarah D. (Mitte) mit ihren Anwälten vor dem Trierer Landgericht.

DPA/Harald Tittel

Zunächst sieht alles nach einem ganz normalen, schweren Autounfall aus: Eine Frau kommt auf die Gegenfahrbahn und prallt frontal mit einem anderen Wagen zusammen. Zwei Menschen sterben. Doch jetzt steht die Fahrerin wegen Mordes vor Gericht: Die 36-Jährige soll den Unfall vor rund einem Jahr bei Erden an der Mosel absichtlich verursacht haben. Warum? «Aus Zorn über einen Streit, den sie im Auto mit ihrem Freund führte, und den sie unbedingt beenden wollte», sagte Staatsanwalt Volker Blindert am Dienstag beim Prozessauftakt vor dem Landgericht Trier.

Demnach riss sie plötzlich und für alle Beteiligten unerwartet das Steuer nach links und prallte frontal mit einem entgegenkommenden Wagen zusammen. Bei dem Crash kamen ihr Lebensgefährte (34), der auf dem Beifahrersitz saß, ums Leben und eine Freundin (32) auf der Rückbank. Der Fahrer des anderen Wagens erlitt schwere Verletzungen, wie auch die Angeklagte selbst. Für Blindert ist klar: Die 36-Jährige handelte «heimtückisch», denn keines der Opfer habe mit einem derartigen Fahrmanöver rechnen können.

«Ein feines Netz aus Indizien»

Doch wie kamen die Ermittler auf den Mordverdacht? «Es gibt ein feines Netz aus Indizien», sagte Rechtsanwalt Martin Säzler, der eine Nebenklage für die getötete Frau vertritt. Details würden erst im Laufe der Hauptverhandlung behandelt. Aber schon mal so viel: Es habe Aussagen der Angeklagten gegenüber Dritten gegeben, die den Verdacht begründeten. Und auch die Auswertung von Kurznachrichten - SMS und WhatsApp - und eine spätere Telefonüberwachung sprächen dafür. «Es handelt sich nicht um eine vorschnelle Mordanklage», sagte Säzler.

Die beiden Anwälte der Angeklagten aus Morbach im Hunsrück sehen das anders. Die Vorwürfe seien «konstruiert» und «aufgrund von Gerüchten» entstanden, sagte Pierre Wolff. Es handele sich «um einen tragischen Unfall». Die Einzelhandelskauffrau, gebürtig aus Kaiserslautern, wollte sich zunächst nicht zu den Vorwürfen äußern. Sie sitzt seit November in Untersuchungshaft - und wird sich nun nach der bisherigen Planung bis 22. Mai vor Gericht verantworten müssen.

Amphetamin im Blut

Ein technische Ursache für den Unfall könne nach einem Gutachten ausgeschlossen werden, sagte Säzler. Allerdings spielten bei der Fahrt wohl Drogen eine Rolle. Bei der Fahrerin seien später kleinere Mengen Amphetamin im Blut festgestellt worden. Nach Ansicht von Säzler könnte im Prozess möglicherweise neben Heimtücke noch ein zweites Mordmerkmal eingeführt werden: Das der Tatbegehung mit gemeingefährlichen Mitteln.

Der Fahrer des Autos, in das die 36-Jährige raste, denkt noch häufig an den Unfalltag im April 2016 zurück. Seiner Einschätzung nach kam der Wagen ungebremst auf ihn zu, bevor es mit seinem Auto kollidierte und dann eine Böschung hinunterflog.

Beifahrer rief noch um Hilfe

Für seine Tochter sah es «bedrohlich» aus, wie der Wagen der 36-Jährigen auf die Gegenfahrbahn kam. Sie hatte am Unfallort erste Hilfe geleistet. Sie schilderte, wie der Beifahrer zunächst noch um Hilfe rief, bevor er verstummte, und wie der Körper der Frau verdreht auf der Rückbank lag. Da standen der Angeklagten im Prozesssaal die Tränen in den Augen. Zudem sagte die Zeugin aus: «Die Autofahrerin hat geschrien: Jetzt habe ich alle getötet.»

(L’essentiel/dpa)

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