Überlebender des Massakers – «Sie schossen ununterbrochen»

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Überlebender des Massakers«Sie schossen ununterbrochen»

In Mexiko verschwinden nach Zusammenstößen mit der korrupten Polizei 43 Studenten. Einer, der entkommen kann, erzählt jetzt von diesem Albtraum.

Keystone/Rebecca Blackwell

Erstmals spricht ein Student darüber, was vor rund zwei Wochen bei der tödlichen Protestaktion in der mexikanischen Stadt Iguala geschehen ist. Mittlerweile ist klar, dass die involvierten Polizisten unter den Studenten ein regelrechtes Massaker angerichtet haben: Ermittler entdeckten vor den Toren der Stadt fünf Massengräber mit 28 verbrannten Leichen. Die Toten dürften zu den 43 Studenten gehören, die nach dem Zusammenstoß mit der Polizei spurlos verschwunden waren.

Er nennt sich Eusebio. Seinen wahren Namen will der junge Mann nicht nennen. Im Interview mit der Zeitung «Global Post» erzählt der Student, wie er am 26. September zusammen mit rund 120 Kommilitonen des Lehrerkollegs Ayotzinapa nach Iguala im Staat Guerrero gereist war, um dort Spenden zu sammeln. Der Brauch will es, dass Studenten durch die Dörfer ziehen und Geld sammeln, damit sie weiterstudieren können.

Studenten kapern Bus

Die Schule ist in Mexiko für ihren radikalen Aktivismus bekannt. Darum ist es auch nichts Besonderes, als die Studenten drei Busse kapern, um damit nach Iguala zu fahren. «Das ist bei uns üblich», meint Eusebio, «wir wollten aber die Buschauffeure mit den Spendegeldern entschädigen.»

Ein Busfahrer meldet den Vorfall dennoch. Polizisten halten die Busse vor Iguala an und beginnen fast sofort zu schießen. «Es kamen ständig weitere Einheiten hinzu. Sie schossen ununterbrochen auf uns. Ich versteckte mich», so Eusebio. «Einige von uns warfen Steine. Aber bewaffnet war keiner von uns.» Bei dieser Schießerei werden insgesamt drei Studenten getötet. Auch ein zufällig vorbeifahrender Taxifahrer und sein Passagier sterben.

Gesicht weggeschnitten: blutige Warnung des Kartells

Später sollte sich zeigen, dass unter den Polizisten mehrere Mitglieder der Verbrecherorganisation «Guerreros Unidos» waren. Die Bande arbeitet für das Drogenkartell der Familie Beltrán Leyva. Kartellboss Héctor Beltrán Leyva wurde vergangene Woche verhaftet.

Als die Schießerei zu Ende ist, nehmen die Gangster-Polizisten Dutzende Studenten fest. Eusebio aber gelingt die Flucht. «Zusammen mit einem Kollegen rannte ich durch eine Gasse. Da sahen wir einen Mann vor einem Haus. Er war zuerst misstrauisch, aber dann ließ er uns hinein. Wir verbrachten die Nacht dort. Er hat uns das Leben gerettet.»

Warnung des Kartells

Am nächsten Morgen geht Eusebio zur Staatsanwaltschaft. Er will seinen festgenommenen Kollegen helfen. Was er nicht weiß: Die Bundespolizei hat eine weitere Leiche gefunden. Es ist einer der verhafteten Studenten. Sein Gesicht ist ihm weggeschnitten worden – so sieht eine Warnung des Kartells aus. Warum die Lehramtsstudenten der linken Hochschule Ayotzinapa aber ins Visier der Gangster gerieten, bleibt unklar.

Eusebio ist zutiefst schockiert. «Die Polizei hat uns immer attackiert, aber es war nie so gefährlich. Jetzt, wo sie für die Drogenkartelle arbeitet, enden ihre Attacken in solchen Massakern. Es ist eine neue Stufe der Gewalt.»

«Ganz Mexiko ist ein Massengrab»

Eusebio und Angehörige der Studenten machen letztlich die Regierung für die Tat verantwortlich. «Wir schreiben die Verschleppung unserer Kollegen dem Staat zu», klagt auch Studentenvertreter Omar García an.

In Mexiko kommt es immer wieder zu Massakern, der jüngste Fall ist aber selbst für das von einem jahrelangen Drogenkrieg zermürbte Land schockierend. «Ganz Mexiko ist ein Massengrab. Alles wird verschleiert, und die Justiz schafft auch keine Klarheit», sagt der Pater und prominente Menschenrechtsaktivist Alejandro Solalinde.

(L'essentiel/ske)

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