Luxemburg – Skandalöse Zustände in der Altenpflege

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LuxemburgSkandalöse Zustände in der Altenpflege

Am 7. Dezember hatte das Tageblatt – am Beispiel Diekirch – auf unhaltbare Zustände in Altersheimen aufmerksam gemacht. Daraufhin regnete es Schreiben und Telefonate aus allen Ecken des Landes.

«Es geht hier nur noch um Euros und um Sekunden bzw. Minuten, doch keinesfalls mehr um eine adäquate Betreuung.»

«Es geht hier nur noch um Euros und um Sekunden bzw. Minuten, doch keinesfalls mehr um eine adäquate Betreuung.»

dpa

«Sie haben in ein Wespennest gestochen», meinte eine Krankenpflegerin aus einem Altersheim im Süden des Landes. Sie wolle aber nicht, dass sie namentlich erwähnt wird, da sie Angst vor Repressalien habe.

Uns haben Familienmitglieder von älteren Leuten, die in Heimen wohnen, u.a. zu verstehen gegeben, dass sie es leid sind, 3.000 und mehr Euro für Aufenthalt und Pflege auf den Tisch legen zu müssen, im Wissen, dass nicht einmal die Grundpflege gesichert ist.

Duschen im Zwei-Wochen-Takt

«Wir haben uns bei der Direktion des Hauses beschwert, da unsere Mutter nur jede zwei bis drei Wochen geduscht wird. Man versprach uns Besserung, doch jetzt hörten wir vom Personal, dass sie des Öfteren nur zu zweit auf der Frühschicht sind, um 29 Heimbewohner zu betreuen. Das ist doch skandalös, oder?», so unsere Gesprächspartner.

In einem anderen Fall geht die Rede von «Missständen im Hospice civil Pfaffenthal», ein Mann beschwerte sich über «Unzulänglichkeiten» im Bettemburger Altenheim und aus Diekirch kommen wiederum Echos, dass bis dato keines der Probleme, über die das Tageblatt in extenso berichtete, einer Lösung zugeführt wurde. «Es wurden wohl Posten seitens Servior in der Presse ausgeschrieben, doch ...», so eine Mitarbeiterin.

«Es geht nur noch ums Geld»

Das Tageblatt erkundigte sich bei einer Bewohnerin, die uns, mit Tränen in den Augen, das bestätigte, was wir befürchteten. «Es geht hier nur noch um Euros und um Sekunden bzw. Minuten, doch keinesfalls mehr um eine adäquate Betreuung.» Zusammen mit der Frau rechneten wir kurz einmal auf, wie es um das Preis-Leistungs-Verhältnis steht.

Mit allem Drum und Dran, das heißt Beherbergungskosten, Unkosten für Wäsche, für Getränke, für Frisör (auch das gehört zur Grundpflege und ist keinesfalls Luxus), für Medikamente und so weiter, kamen wir auf weit über 3 000 Euro monatlich. Allein die Beherbergungskosten betragen rund 2 200 Euro, dazu erhält das Heim dann noch das Geld von der Pflegeversicherung.

«Und gerade hier liegt der Hase im Pfeffer», meinte die ältere Frau. «Ich weiß, wie viel Geld die Pflegeversicherung für meine Pflege bezahlt und dann sehe ich, wie die Pflege in der Realität aussieht. Das schreit zum Himmel!»
Übrigens: die Frau bezieht eine Monatsrente von 1 960 Euro!

Pflege nach der Stopp-Uhr

In mehreren Alten- bzw. Pflegeheimen wurde dem Tageblatt mitgeteilt, dass viele Pflegerinnen und Pfleger am liebsten gleich morgen ihren Beruf an den Nagel hängen wollen. «Wir wissen, dass das, was wir tagtäglich verrichten, nicht mehr viel mit der Pflege zu tun hat, die wir einmal erlernt haben. Es muss alles sehr schnell gehen, x Minuten für eine Ganzkörperwäsche, x Minuten für das Anziehen der Bewohner, ein Verbandswechsel darf nur eine gewisse, festgesetzte Zeit dauern, Gespräche mit den Bewohnern sind fast ein Ding der Unmöglichkeit geworden», so ein Pfleger. Und weiter: «Die aufgeworfenen Probleme sind keinesfalls neu, doch es erstaunt uns, dass niemand sich dieser Probleme annimmt, nicht die ANIL (Krankenpflegervereinigung), nicht die Gewerkschaften, und das zuständige Ministerium schon überhaupt nicht ...»

Tageblatt / Roger Infalt

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