Schuldenkrise – Spanien rückt dem Abgrund näher

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SchuldenkriseSpanien rückt dem Abgrund näher

Die Gefahr, dass die viertgrößte Volkswirtschaft der Eurozone die EU um Rettung vor einer drohenden Staatspleite bitten muss, war noch nie so groß.

Die Regierung weiß nicht, woher sie die mehr als 23 Milliarden Euro nehmen soll, die für die Sanierung des viertgrößten Geldinstituts Bankia des Landes gebraucht werden.

Die Regierung weiß nicht, woher sie die mehr als 23 Milliarden Euro nehmen soll, die für die Sanierung des viertgrößten Geldinstituts Bankia des Landes gebraucht werden.

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Spanien rückt dem Abgrund näher. Die Zinsaufschläge für spanische Staatsanleihen haben ein Rekordniveau erreicht, das kaum noch zu finanzieren ist. Es wird für Spanien immer teurer, sich auf den Finanzmärkten frisches Geld zu beschaffen. «Auf die Dauer ist die Situation nicht haltbar», räumte Wirtschaftsminister Luis de Guindos ein.

In der Regierung von Ministerpräsident Mariano Rajoy macht sich Nervosität breit, die Anleger verlieren zunehmend das Vertrauen in die Zukunft der spanischen Finanzwirtschaft. Nach einem Bericht der Zentralbank zogen im März einheimische und ausländische Investoren 66,2 Milliarden Euro aus Spanien ab. Dies war die größte Kapitalflucht in einem Monat seit Beginn der Erhebungen 1990.

Regierung wirkt ratlos und überfordert

Spanische Unternehmen und Privathaushalte hoben im April unter dem Strich 31,5 Milliarden Euro von ihren Konten ab, so dass die Bankeinlagen auf 1,625 Billionen Euro zurückgingen. Zwar kann von einer Panik keine Rede sein, aber der Rückgang bedeutet eine Warnung, denn er war der größte seit Dezember 2010.

Vor allem das Drama um die Rettung der maroden Großbank Bankia hat Spanien wieder in den Brennpunkt der Schuldenkrise gerückt. Die Regierung wirkt ratlos und überfordert. Sie weiß nicht, woher sie die mehr als 23 Milliarden Euro nehmen soll, die für die Sanierung des viertgrößten Geldinstituts des Landes gebraucht werden. Madrid hatte anscheinend darauf gehofft, der Bank unter Umgehung der Märkte Staatsanleihen vermachen zu können oder beim EU-Rettungsfonds Direkthilfen für das Geldhaus locker zu machen. Beide Wege sind jedoch versperrt, weil Madrid dafür kaum die Zustimmung der EU oder der Europäischen Zentralbank (EZB) erhielte.

Neuverschuldung oder Rettungsfonds?

Nun bleiben Rajoy im Grunde nur zwei Möglichkeiten: Die Regierung könnte sich das Geld erstens durch Anleihen auf den Kapitalmärkten besorgen. Dabei würden aber Zinsen fällig, die Spanien kaum finanzieren könnte; zudem bräche die Regierung ihr Versprechen, für die Bankensanierung keine neuen Staatsschulden aufzunehmen. Zweitens könnte Spanien als Staat - also nicht allein für die Banken - Hilfen aus dem EU-Rettungsfonds erbitten.

Letzteres will Madrid aber um jeden Preis vermeiden. Zum einen müsste Spanien die Souveränität über seine Finanzen de facto an die Troika von EU-Kommission, EZB und Weltwährungsfonds abgeben. Zum andern empfinden die Spanier die Rettungsaktionen für Griechenland, Irland und Portugal nicht als gelungen, sondern eher als abschreckende Beispiele.

Zu groß, um gerettet werden zu können

Wie lange hält Spanien noch durch, bis es keinen anderen Ausweg gibt außer dem Sprung unter den EU-Rettungsschirm? In Finanzkreisen betrachtet man Zinsen von sieben Prozent für zehnjährige Staatsanleihen als «Schallgrenze». Wenn die Risikoaufschläge diesen Wert eine gewisse Zeit lang überschreiten, gelten sie als nicht mehr finanzierbar. Für spanische Anleihen erreichten sie zuletzt fast 6,7 Prozent.

Die Hoffnung der Spanier stützt sich darauf, dass ihr Land im Grunde zu groß ist, um gerettet zu werden. Zudem bestünde im Fall einer Rettung Spaniens die Gefahr, dass Italien bald folgen würde. Und dies bedeutete wahrscheinlich das Ende des Euro. Da aber daran niemandem gelegen ist, setzen die Spanier darauf, dass entweder die EU oder die EZB im letzten Augenblick den drohenden Sturz in den Abgrund verhindern. Dazu müsste aber entweder die EU oder die Zentralbank ihre bisherige Haltung ändern. Die Frage ist, wer zuerst dazu bereit sein wird.

(L'essentiel Online/dpa)

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