Claas Relotius – «Spiegel»-Journalist hat Geschichten erfunden

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Claas Relotius«Spiegel»-Journalist hat Geschichten erfunden

Ein «Spiegel»-Reporter hat in großem Maße eigene Geschichten manipuliert. Das deutsche Magazin geht mit einer «Selbstanzeige» in die Gegenoffensive.

Vor wenigen Wochen wurde er noch mit dem Deutschen Reporterpreis 2018 ausgezeichnet, nun wird klar: Claas Relotius dürfte für den größten Betrugsfall in der deutschen Medienlandschaft verantwortlich sein seit den gefälschten Hitler-Tagebüchern von 1983. Der in Hamburg lebende Journalist soll, wie am Mittwoch bekannt wurde, Geschichten manipuliert und Zitate, Quellen und Personen frei erfunden haben.

Das genaue Ausmaß des Falles Relotius, der freiberuflich unter anderem auch für die «NZZ», die «Weltwoche», die «Frankfurter Allgemeine» und nach nicht belegten Eigenangaben für den «Guardian» geschrieben hat, ist noch nicht bekannt. Der «Spiegel», bei dem der Journalist sieben Jahre lang fester Mitarbeiter war, hat zumindest die ihn betreffenden Fakten in einer medialen Gegenoffensive am Mittwoch öffentlich gemacht.

Fälschungen und Manipulationen

Aufgeflogen ist Relotius mit einer Reportage über eine Bürgerwehr in Arizona. «Jaegers Grenze» heißt der Text, der aktuell noch auf Spiegel online zu lesen ist – jedoch neu mit dem Warnhinweis: «Die Berichterstattung von Claas Relotius steht nach ‹Spiegel›-Recherchen unter dem Verdacht weitgehender Fälschungen und Manipulationen durch den Autor. Der ‹Spiegel› geht allen Hinweisen nach und lässt die Artikel bis zu einer weitgehenden Klärung der Vorwürfe unverändert im Archiv, auch um transparente Nachforschungen zu ermöglichen.»

Die Pressesprecherin der im Text ausführlich zitierten Einheit war stutzig geworden, weil Relotius im Laufe seiner angeblichen Recherchen nie an sie herangetreten war. Verdacht hatte zuvor schon dessen Redaktionskollege Juan Moreno geschöpft, der als Co-Autor der genannten Story wirkte. Er hatte dem Betrüger nachrecherchiert und diesen mit seinen Erkenntnissen bei Kollegen und Vorgesetzten gemeldet.

Weil Claas Relotius auf der Redaktion allseits als fleißiger und bescheidener Kollege geschätzt war, schenkte man den Anschuldigungen Morenos anfänglich keinen Glauben. Noch Anfang Dezember hätten viele nicht Relotius, sondern Moreno, der mit seinem Streben den Job riskierte, für den «eigentlichen Halunken» gehalten. Auch das gibt der «Spiegel» in seiner sehr transparenten Darlegung der Ereignisse ungeschönt zu.

Märchen statt Reportagen

Vergangenen Donnerstag, zwei Wochen nach der Auszeichnung mit dem Deutschen Reporterpreis, knickt Relotius in einem Treffen mit seinen Vorgesetzten schließlich ein. Manche seiner Geschichten seien «sauber recherchiert und Fake-frei», so der 33-Jährige. Andere jedoch seien «aufgehübscht mit frisierten Zitaten und sonstiger Tatsachenfantasie» – und wiederum andere «komplett erfunden».

Seither ist klar: Der mehrfach ausgezeichnete Journalist, einer der erfolgreichsten seiner Generation, ist kein Reporter, sondern ein «Märchenerzähler». Diesen Begriff wählt der Spiegel in seiner Aufarbeitung.

Während seines Geständnisses am Donnerstag sagte Relotius laut Spiegel: «Es ging nicht um das nächste große Ding. Es war die Angst vor dem Scheitern.» Daraus erwuchs ein Teufelskreis: «Mein Druck, nicht scheitern zu dürfen, wurde immer größer, je erfolgreicher ich wurde.»

Betroffenheit bei der Redaktion

Und erfolgreich war Relotius: Er hat viermal den Deutschen Reporterpreis gewonnen, den Peter Scholl-Latour-Preis, den Konrad-Duden-, den Kindernothilfe-, den Katholischen und den Coburger Medienpreis. Er wurde zum CNN-«Journalist of the Year» gekürt, er wurde geehrt mit dem Reemtsma Liberty Award, dem European Press Prize, und er landete auf der «Forbes»-Liste der «30 under 30 – Europe: Media».

Der «Spiegel» nennt den Artikel, in dem einige der 55 bei ihm erschienenen Texte von Relotius detailliert durchleuchtet werden, eine «Enthüllung, die einer Selbstanzeige gleichkommt». Die Redaktion sei tief betroffen, die Chefredaktion bittet bei den Lesern um Verzeihung. Der Fall Relotius sei ein «Tiefpunkt in der 70-jährigen Geschichte des ‹Spiegel›».

(L'essentiel/mat)

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