Alkoholvergiftung: Student blind nach Uni-Ritual – «Sie tun, als hätten sie nichts falsch gemacht»

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AlkoholvergiftungStudent blind nach Uni-Ritual – «Sie tun, als hätten sie nichts falsch gemacht»

Danny Santulli (19) aus dem US-Staat Minnesota kann nach einem Aufnahmeritual an der Uni nicht mehr sehen, gehen oder sprechen. Seine Familie will jetzt andere Eltern aufrütteln. Dannys Schulkollegen aber sind sich keiner Schuld bewusst.

von
Karin Leuthold
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Danny Santulli ist nach einem Aufnahmeritual an der Uni Missouri erblindet.

Danny Santulli ist nach einem Aufnahmeritual an der Uni Missouri erblindet.

Screenhot GMA
Der Teenager hatte eine schwere Alkoholvergiftung erlitten.

Der Teenager hatte eine schwere Alkoholvergiftung erlitten.

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Danny wollte Mitglied der Studentenverbindung Phi Gamma Delta werden.

Danny wollte Mitglied der Studentenverbindung Phi Gamma Delta werden.

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«Ich habe Danny auf der Intensivstation des Krankenhauses von Missouri gesehen, er war an jede Menge Schläuche gebunden» – dieses Bild geht Nick Santulli nicht mehr aus dem Kopf. Nick ist der ältere Bruder des 19-Jährigen, der während eines Aufnahmerituals in einer Fraternity an seiner Uni eine schwere Alkoholvergiftung erlitt.

Nachdem der Fall von Danny Santulli bekannt wurde, sprach die Familie am Donnerstag in der Sendung «Good Morning America» über die Ereignisse am vergangenen 19. Oktober, als der Student der Universität Missouri fast ums Leben kam. Der Hirnschaden, den Danny dabei erlitt, ist allerdings so massiv, dass er nicht mehr gehen, sprechen oder sehen kann. Seine Eltern wendeten sich nun an die Öffentlichkeit, um dafür zu sorgen, «dass niemandem sonst dieser Schmerz widerfährt».

Ritual beginnt mit verbundenen Augen

In Aufnahmen der Überwachungskamera im Inneren des Hauses der Studentenverbindung Phi Gamma Delta ist zu sehen, wie Anwärter auf die Mitgliedschaft in der Fraternity kurz nach 21 Uhr mit verbundenen Augen die Treppe hinuntergeführt werden, um mit der Aufnahmezeremonie zu beginnen.

Den jungen Studenten sei dann eine große Flasche Wodka an die Hand geklebt worden. Danny sei gezwungen worden, eine ganze Flasche zu leeren, heißt es in einer Zivilklage, die die Eltern gegen Mitstudenten ihres Sohnes derzeit führen. Die nächste Stunde mussten die sogenannten «Pledges» (Aufnahmekandidaten) aus ihren Flaschen trinken.

Danny atmete nicht, als er ins Krankenhaus kam

Kurz nach 22.20 Uhr ist auf dem Überwachungsvideo zu sehen, «wie eines der Fraternity-Mitglieder einen Schlauch mit einem Trichter in Dannys Mund steckt und ihm Bier in die Kehle einflößt, während Danny gerade eine ganze Flasche Wodka trinkt. Das ist auf dem Video zu sehen», sagt der Anwalt der Familie, David Bianchi.

Kurz vor 23 Uhr verliert Danny das Gleichgewicht und fällt rückwärts. Andere Mitglieder der Bruderschaft tragen ihn aus dem Raum, heben ihn auf und lassen ihn auf ein Sofa fallen. Gegen 00.30 Uhr rutscht er vom Sofa auf den Boden, er kann sich nicht mehr bewegen.

«Dann liegt er still. Nach 15 Minuten findet ihn ein anderes Frat-Mitglied und hebt Danny wieder auf das Sofa. Andere kommen in den Raum, tragen Danny zur Tür und lassen ihn auf den Boden fallen.» Draußen wird er schließlich zu einem Auto getragen und ins Krankenhaus gefahren. Bei seiner Ankunft hatte er bereits einen Herzstillstand erlitten und atmete nicht. Sein Blutalkoholspiegel hatte einen Wert erreicht, der ihn auch hätte töten können.

Mitstudenten sind frei

Mary Pat Santulli, Dannys Mutter, versteht bis heute nicht, wie die Mitstudenten ihren Sohn so behandeln konnten. «Seine Lippen waren blau, er war in Not, aber niemand hat den Notruf gewählt. Ich meine, ein Sechsjähriger weiß, wie man die Notzentrale wählt», sagt sie.

Die Familie kämpft nun für Gerechtigkeit. «Es tut mir weh, wenn ich sehe, wie die Leute, die Danny geschadet haben, auf dem Campus herumlaufen und so tun, als hätten sie nichts falsch gemacht», sagte seine Schwester.

Nach sechs Wochen auf der Intensivstation wurde Danny Santulli in eine Reha-Klinik in Colorado verlegt. Letzte Woche brachten die Eltern ihn wieder nach Hause nach Minnesota. Die Ärzte gehen davon aus, dass der 19-Jährige lebenslang Pflege brauchen wird. «Er sitzt im Rollstuhl und ist blind. Aber er hört uns, und er weiß, dass wir da sind», sagte sie unter Tränen.

Fraternities und Sororities

Die Fraternities und Sororities sind Studentenverbindungen an US-amerikanischen Unis. Umgangssprachlich werden Fraternities als Frats bezeichnet, entsprechend ihre Mitglieder als Frat boys und das Verbindungshaus als Frat house.

Der Anwärter auf die Mitgliedschaft in einer Fraternity nennt sich «Pledge» – und Pledges widersprechen nie, was ihre «Pledge Fathers» ihnen befohlen haben. Die Aufnahmekandidaten müssen alles über die Geschichte der Bruderschaft lernen und in verschiedenen Aufgaben ihre Teamfähigkeit unter Beweis stellen. Der Weg in eine Bruderschaft ist daher lang und oft schmerzhaft. Das meistverbreitete Ritual ist das Kampftrinken. 

Die Mitgliedschaft in einer Fraternity oder in einer Sorority zahlt sich allerdings nach dem Studium aus, denn sie eröffnet Netzwerke und kann sich in der Karriere als überaus förderlich erweisen.

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