Pestizid-Alarm – Trinkwasser könnte seit Jahren verseucht sein

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Pestizid-AlarmTrinkwasser könnte seit Jahren verseucht sein

LUXEMBURG – Erst nach dem Unfall in Belgien wurde nach Metazachlor und seinen Abbauprodukten gesucht. Dabei stellte sich heraus: Das Gift ist schon lange im Trinkwasser.

Erst nach dem Unfall in Belgien haben die Behörden begonnen, systematisch nach dem Pflanzengift Metazachlor und seinen Abbauprodukten zu suchen. Die wurden vergangene Woche auch im Brunnen «Schaedhaff» im Süden Luxemburgs gefunden. Daraufhin erteilte das Gesundheitsministerium eine Sondergenehmigung: Für die kommenden drei Jahre dürfen die strengen EU-Grenzwerte für Pestizide überschritten werden – um das 30-fache. Der Grenzwert wurde von 100 auf 3000 Nanogramm heraufgesetzt.

Doch wie sind die Pestizidrückstände überhaupt in den Tiefbrunnen gelangt? Der Brunnen «Schaedhaff» liegt mehr als 40 Kilometer vom Obersauer-Stausee entfernt, der in den vergangenen Wochen eine erhöhte Pestizidbelastung aufwies. Die Erklärung ist so einfach wie beängstigend: Sie waren schon vorher da.

Wurde überhaupt auf Metazachlor getestet?

L'essentiel hat beim Umweltministerium und bei der Wasserverwaltung nachgefragt: Wurde das Trinkwasser in den vergangenen Jahren auf Metazachlor getestet? Ja, erklärt die Wasserverwaltung: Es habe regelmäßige Messungen der Muttersubstanz gegeben – und die hätten keine Überschreitung der Grenzwerte gezeigt. Doch was ist mit den «Abbauprodukten» des Herbizids, wegen denen die Regierung jetzt eine Überschreitung der Pestizid-Grenzwerte um das 30-fache genehmigt hat? Wurde das Trinkwasser in den vergangenen Jahren auch daraufhin getestet?

«Man ist davon ausgegangen, dass die Substanz wenig eingesetzt wird und kein Problem darstellt», lautet die Antwort der Wasserverwaltung. Erst «nach dem Unfall auf der belgischen Seite wurde eine Grundbelastung mit den Abbausubstanzen von Metazachlor festgestellt». Sprich: Das Luxemburger Trinkwasser kann schon lange vor dem Unfall in Belgien mit den Pestizidrückständen verseucht gewesen sein. Es wurde nur nicht danach gesucht.

Wie gefährlich sind die Rückstände

Aber wie gefährlich sind die Rückstände von Metazachlor? «Die Abbauprodukte können die gleiche Toxizität haben wie der Wirkstoff selbst», sagt Rudolf Pfeil vom deutschen Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) gegenüber L'essentiel. «Aber es bestehen keinerlei gesundheitliche Risiken.» Das BfR bewertet im Auftrag der deutschen Regierung die Risiken, die bestimmte Stoffe für Verbraucher bergen. Pfeil: «Auf Lebensmitteln sind sogar Rückstände von Pflanzenschutzmitteln im Milligrammbereich zulässig – also dem 1000-Fachen des EU-Grenzwerts für Trinkwasser», erklärt Pfeil.

Aber warum ist der Grenzwert für Trinkwasser dann so niedrig angesetzt? «Er ist so gering, weil man vermeiden möchte, dass Pestizidstoffe in nennenswerten Größen ins Grundwasser eingebracht werden», erklärt Pfeil. Denn sind die Stoffe erst einmal im Grundwasser, ist es schwer, sie wieder herauszubekommen. «Das erfordert eine langfristige Sanierung von Brunnen und Wasserschutzgebieten», sagt Pfeil. «Wir dürfen die Wirkstoffe nicht harmlos nennen – denn sie haben gefährliche Eigenschaften. Aber es hängt von der Dosis ab – das ist das Wesen der Toxikologie.»

(sen/L'essentiel)

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