In Hamburg – Undercover-Aufnahmen aus Tierversuchslabor

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In HamburgUndercover-Aufnahmen aus Tierversuchslabor

Die «Soko Tierschutz» hat einen Ermittler in ein Tierversuchslabor eingeschleust. Ihre Aufnahmen zeigen: Die Zustände sind noch schlimmer als befürchtet.

Die Tierschutzvereine «Soko Tierschutz» und «Cruelty Free International» veröffentlichten schockierende Undercover-Aufnahmen aus einem der größten privaten Tierversuchslabore in Deutschland – das Familienunternehmen LPT (Laboratory of Pharmacology and Toxicology). Ein Soko-Ermittler hatte sich als Pfleger in das Versuchslabor eingeschleust und monatelang Beweismaterial gesammelt. Die Aufnahmen sind nichts für schwache Nerven. Die Liste an Verstößen ist lang und gibt Einblick in einen grausamen Alltag im Labor. Neben Fällen von akuter Tierquälerei, sind auch die Käfige zu klein und Mitarbeiter sind weder medizinisch geschult, noch für die Arbeit mit Tieren ausgebildet.

«In Tierversuchen wie bei der LPT darf man mit Tieren Sachen machen, die einen normalerweise ins Gefängnis bringen würden», ist Soko-Tierschutz-Chef Friedrich Mülln empört. Er setzt sich seit Jahren für ein Verbot von Tierversuchen ein.

«Unhaltbare Zustände»

Das Labor testet an Hunden, Katzen, Affen und Kaninchen, ob etwa Medikamente giftig sind. Monatelang, von Dezember 2018 bis März 2019, filmte ein Ermittler der Soko Tierschutz mit versteckter Kamera, welche Versuche an den Tieren durchgeführt werden, wie sie gehalten werden und wie die Mitarbeiter mit ihnen umgehen. Fazit der Recherche: «...unhaltbare Zustände, rechtswidrige Tierhaltung, grausame Versuche und Brutalität gegen die Tiere», informiert der Soko Tierschutz.

Unter den zahlreichen Mitarbeitern soll zudem nur ein ausgebildeter Tierpfleger arbeiten, so Mülln. «Der Rest der Arbeiter setzt sich aus beispielsweise Schlachtern, Mechanikern und einem Militärmusikanten zusammen.» Für Friedrich Mülln sind die derzeitigen Zustände unhaltbar. Seit Jahren protestiert der Tierrechtler gegen das LPT. Filmmaterial aus dem Inneren hatte Mülln bisher jedoch nicht. Seine Protestaktionen erhielten dementsprechend kaum mediale Präsenz. Doch nach den aktuellen Undercover-Aufnahmen, die das ARD-Magazin «Fakt» und die Süddeutsche Zeitung veröffentlichten, verlautbarte das Veterinärmat Hamburg, nun die Ermittlungen aufgenommen zu haben.

Toxische Versuche an Hunden

Im LPT werden seit Jahrzehnten Beagles für Medikamententests genutzt. Die Hunde werden nach und nach vergiftet, wenn sie nicht an den Tests sterben, werden sie im Anschluss getötet. Die Aufnahmen zeigen unter anderem wie die Hunde, nachdem ihnen Schläuche oder Kapseln in den Hals gesteckt wurden, stark zu bluten beginnen. Auch die Hundezwinger sind blutverschmiert.

«Es ist erschütternd zu sehen, wie sich diese Hunde nach Zuneigung und Fürsorge verzehren und dann so erbärmlich in ihrem Blut sterben müssen», beschreibt Mülln die Szenen.

Affen mit Verhaltensstörungen in viel zu kleinen Käfigen

Die Affen werden bei Versuchen mit äußerster Grobheit behandelt, berichtet Mülln. «Ein Mitarbeiter schlug einen Affen absichtlich krachend gegen die Türkante.» Widerstand gegen solche Übergriffe seien nach Aussagen eines Mitarbeiters sinnlos, «es sei den Vorgesetzten egal», so die Ergebnisse der Undercover-Recherche.

«Den schlimmsten Haltungsbedingungen in dem Labor sind die Affen ausgesetzt», sagt die Soko Tierschutz. «Sie leben teilweise in engen Käfigbatterien und in keinem der Käfige gab es das gesetzlich vorgeschriebene Beschäftigungsmaterial. Die Wildtiere leiden an Verhaltensstörungen, drehen sich wie verrückt im Kreis und das sogar rückwärts», so Mülln.

Versuche an Katzen

In einer Katzenstudie für eine Tierarzneimittelfirma wurde ein Antibiotikum mit dem gleichen Wirkstoff, aber anderem Geschmack verglichen, erklärt Mülln. «Dazu wurden den Katzen die Beine an einem einzigen Tag 13 Mal zerstochen.» Auch hier mangele es den Mitarbeitern an Fähigkeiten, mit Folgen für die Tiere, kritisiert Mülln. Das Familienunternehmen LPT reagiert auf Nachfrage der ARD und der Süddeutschen nüchtern und knapp, dass es von den Behörden bisher keine Beanstandungen an der Tierhaltung gegeben hätte.

Zehntausende tote Tiere in 55 Jahren

Über die Tätigkeit von LPT gibt fast keine öffentlichen Informationen. Auch auf der Website kommt man ohne Registrierung nicht weit. Darum recherchierte die Soko Tierschutz intensiv auf eigene Faust, durchforstete unter anderem wissenschaftliche Magazine, in denen Ergebnisse von LPT-Tierversuchs-Studien veröffentlicht wurden. Das Ergebnis der intensiven Recherche ist ein 25-Seiten langes PDF, kostenlos auf der Website der Soko Tierschutz downloadbar.

«Wir wollen deutlich machen, dass wir über fühlende Individuen reden und nicht – wie es der Begriff Versuchstier suggeriert – über Forschungsobjekte», so Mülln.

In der Broschüre «Hinter verschlossenen Türen» finden sich Zahlen und Fakten zusammengetragen. In 55 Jahren Unternehmensgeschichte sollen zehntausende Tiere gestorben sein – Mäuse, Ratten, Hunde, Katzen, Kaninchen, Affen, Vögel und andere Tierarten. Sie alle heben eines gemeinsam, so Mülln: «Kein Tier verlässt das Labor lebend. Alle Tiere sterben bei den Versuchen oder werden nach deren Ende getötet.»

Das Tierversuchslabor LPT soll alleine an seinem Standort in Mienenbüttel (von hier stammen die Undercover-Aufnahmen) eine Kapazität für circa 10.000 Mäuse, über 1.500 Hunde und bis zu 500 Affen haben. Seinen Hauptsitz hat das Familienunternehmen in Hamburg-Neugraben.

Ende von Tierversuchen gefordert

«Jedes Jahr werden hunderttausende Tiere in Europa für regulatorische, toxikologische Tests vorsätzlich vergiftet. Unsere Recherche enthüllt entsetzliches Tierleid, unzulängliche Pflege der Tiere, schlechte Praktiken und Brüche europäischen und deutschen Rechts. Wir fordern eine umfassende Aufarbeitung dieses Falls und allgemein solcher Tierversuche in Europa», so Michelle Thew von Cruelty Free International.

Soko Tierschutz und Cruelty Free International fordern ein sofortiges Ende der von Giftigkeitstests an Tieren und die Schließung des Labors durch die Behörden. «Es ist unverantwortlich, dass der Staat diese Versuche zwar anordnet, aber Giftigkeitstests an Hunden oder Kaninchen nicht genehmigungspflichtig sind. Hier zieht sich Deutschland aus der Verantwortung. Die angeblichen Sicherheitstests bringen zudem keine Sicherheit für den Menschen und Tieren nur einen grausamen Tod», sagt Soko Sprecher Friedrich Mülln, der 2003 selbst undercover in einem solchen Labor arbeitete.

Soko Tierschutz ruft am 19.Oktober zu einer Mahnwache und einer Großdemo gegen das Tierversuchslabor LPT auf.

(L'essentiel/red)

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