Klimaaktivisten: Undercover-Reporter schleicht sich bei Klima-Klebern ein

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KlimaaktivistenUndercover-Reporter schleicht sich bei Klima-Klebern ein

Ein deutscher Journalist meldete sich für die Ausbildung bei der Klimaschutzgruppe «Letzte Generation» an. Vor den Aktionen wird das Festkleben mehrmals geübt.

von
Karin Leuthold
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Eine Klima-Kleberin der «Letzten Generation» hat sich auf der Fahrbahn der Potsdamer Straße in Berlin festgeklebt, um gegen die Klimapolitik der deutschen Bundesregierung und gegen die Inhaftierung von Mitgliedern der Gruppe in Bayern zu protestieren.

Eine Klima-Kleberin der «Letzten Generation» hat sich auf der Fahrbahn der Potsdamer Straße in Berlin festgeklebt, um gegen die Klimapolitik der deutschen Bundesregierung und gegen die Inhaftierung von Mitgliedern der Gruppe in Bayern zu protestieren.

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Zuvor haben die Mitglieder der Gruppe eine Ausbildung besucht.

Zuvor haben die Mitglieder der Gruppe eine Ausbildung besucht.

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Ein Journalist der «Bild»-Zeitung besuchte das Training undercover.

Ein Journalist der «Bild»-Zeitung besuchte das Training undercover.

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Die Aktivisten und Aktivistinnen der «Letzten Generation» sehen sich als Vorkämpfer für konsequenten Klimaschutz – ohne Abstriche und aus ihrer Sicht ohne faule Kompromisse. Dabei greifen sie auch zu Methoden am Rande oder außerhalb der Legalität. Wie bereitet sich die Gruppe für ihre Aktionen vor? Das wollte ein Reporter der «Bild»-Zeitung herausfinden und besuchte undercover einen Ausbildungskurs der Klima-Aktivisten.

Die «Letzte Generation» sorgte zuletzt für Schlagzeilen, etwa durch das Werfen von Kartoffelbrei oder Tomatensuppe auf Kunstwerke oder durch das Festkleben von Demonstrantinnen und Demonstranten auf Autobahnen, Straßenkreuzungen oder Startbahnen von Flughäfen. «Bist du bereit, für die Aktion ins Gefängnis zu gehen?», heißt es in einem Fragebogen, den der Journalist beim ersten Treffen ausfüllen muss.

Beim Training werden Rollenspiele gespielt

Die Ausbildung wird von einer 20-jährigen Frau geleitet. Den ebenfalls sehr jungen Kandidaten und Kandidatinnen – einige sogar minderjährig – erklärt die Trainerin, dass man montags, mittwochs, donnerstags und freitags zu Aktionen auf die Straße gehe. Dienstags treffe man sich zum gemeinsamen Brunch, am Wochenende werde pausiert.

Die Gruppe spielt Vertrauensspiele und meditiert. Die Trainerin holt einen Sekundenkleber, während die Menschen sich setzen, ihre Augen schließen und sich vorstellen, wie sie festgeklebt auf der Straße sitzen. Dann kommt es zur einsatznahen Übung: Die Kandidaten und Kandidatinnen lassen sich an einem Holzbrett festkleben. 

Auch der «Bild»-Reporter macht mit: «Erst klebe ich, dann bin ich wütender Autofahrer, dann Polizist. Nach acht Stunden Training sind wir bereit für echte Action», berichtet er. 

Keiner kennt den genauen Plan, außer der Anführer

In zwei Chat-Gruppen werden die Aktionen geplant. Alle tragen die Namen eines Baumes, die Gruppenanführer und -anführerinnen nennen sich «Bienenkönigin». Erst am Abend vor der Aktion bekommt der Undercover-Reporter ein Foto mit Sitzplan und Treffpunkt zugeschickt. Die genauen Details kennt er jedoch nicht, sein Handy muss er für die Aktion zu Hause lassen. 

Der Journalist bekommt von der «Bienenkönigin» zwei Fläschchen Sekundenkleber zugesteckt, kurz bevor die Gruppe an einer Kreuzung ankommt. Dann geht alles sehr schnell: «Die Fußgängerampel wird grün, die Aktivisten setzen sich auf die Straße. Die Blockade beginnt.» Doch der «Bild»-Reporter macht nicht mehr mit. «Ich werde mich nicht strafbar machen», schreibt er. Tage später liest er in einer der Chat-Gruppen, dass bei der Aktion die «Bienenkönigin» festgenommen wurde. 

Die «Letzte Generation» gehört zu einem internationalen Netzwerk ziviler Widerstandsprojekte. Finanzielle Unterstützung erhält die Gruppe unter anderem aus dem in den USA ansässigen Climate Emergency Fund. Doch innerhalb der Klima- und Umweltbewegung sind die «Letzte Generation» und ihre Aktionsformen umstritten. Auch wenn viele ihre Motivation und Ziele weitgehend teilen, gibt es Einwände gegen die Kompromisslosigkeit der Aktivistinnen und Aktivisten. 

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