Erdbeben in Italien – «Unser Dorf ist am Ende»

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Erdbeben in Italien«Unser Dorf ist am Ende»

Zwei schwere Erdbeben erschütterten Mittelitalien. Ein Mann starb, zwei Menschen wurden verletzt. Ein Bürgermeister spricht von «apokalyptischen» Zuständen.

Zwei heftige Erdstösse in Mittelitalien haben am Mittwoch böse Erinnerungen an das schwere Beben vor gut zwei Monaten mit fast 300 Toten geweckt. Von hohen Opferzahlen blieb die betroffene Region diesmal indes verschont. Bis Donnerstagmorgen gab es ein Todesopfer zu beklagen, mehrere Menschen wurden leicht verletzt.

Wahrscheinlich in Folge des Erdbebens in Italien hat ein 73-Jähriger nach offiziellen Angaben einen Herzinfarkt erlitten und ist gestorben. Der Schock könnte den Infarkt ausgelöst haben, meldete die Nachrichtenagentur Ansa Donnerstagnacht unter Berufung auf die Carabinieri, die italienische Gendarmerie, der Provinz Macerata.

Er sei das erste «indirekte» Todesopfer des Bebens, sagte der Chef der Provinzbehörde, Stefano Di Iulio, der Agentur zufolge. Der Mann sei in der Stadt Tolentino gestorben.

Das erste Erdbeben ereignete sich um 19.10 Uhr in der Nähe der Ortschaft Visso in der Region Marken und hatte laut der US-Erdbebenwarte USGS eine Stärke von 5,5. Das zweite zwei Stunden später hatte laut USGS eine Stärke von 6,1. Das italienische Institut für Geophysik und Vulkanologie (INGV) gab die Stärken der beiden Beben mit 5,4 und 5,9 an.

Marco Rinaldi, der Bürgermeister der hart getroffenen Stadt Ussita, meldete schwere Schäden. Es sei «apokalyptisch» gewesen, der Ort erledigt, sagte er dem Sender Sky TG24. Viele Häuser seien eingestürzt. «Ich habe schon viele Erdbeben miterlebt, aber dieses war das stärkste in meinem Leben.» Die Fassade einer Kirche sei in sich zusammengefallen, in den Straßen hätten Menschen um Hilfe geschrien, der Strom sei ausgefallen. Zwei ältere Anwohner seien aus einem Haus gerettet worden, in dem sie eingeschlossen gewesen seien, berichtete Rinaldi weiter.

Weitherum gespürt

Die Erschütterungen waren in beiden Fällen auch in der Hauptstadt Rom zu spüren. Italienische Medien berichteten, das zweite Beben sei von Venedig im Norden bis nach Tarent im äußersten Süden des Landes zu spüren gewesen. In Rom wie in den Städten Pescara, L'Aquila und Ancona rannten Menschen wegen der Erschütterungen aus ihren Häusern.

Aus dem nahe dem Epizentrum gelegenen Visso meldete Bürgermeister Guiliano Pazzaglini, Priorität habe nun die Versorgung geflüchteter Anwohner. Sie bräuchten Trinkwasser, Toiletten und etwas Warmes zu Essen, sagte er der Nachrichtenagentur AP. «Dann müssen wir natürlich anfangen, Zelte aufzubauen.» Mit rund 100 Menschen hatte Pazzaglini in einem vom Roten Kreuz eingerichteten Zentrum Zuflucht gefunden. Viele weitere verbrachten die Nacht in ihren Autos.

Der Erzbischof von Spoleto-Norcia, Renato Boccardo, teilte laut italienischen Medien mit, dass die Kirche San Salvatore in Campi di Norcia, rund 20 Kilometer südlich von Visso, nicht mehr existiere.

Der Bürgermeister von Visso, Giuliano Pazzaglini, sagte im Fernsehen, die Telefonverbindungen in seinem Ort seien wiederhergestellt. Im Fernsehen waren allerdings Bilder von Trümmern vor einer Kirche in Visso zu sehen.

Schulen geschlossen

Wegen der Erdbeben bleiben am Donnerstag mehrere Schulen in mittelitalienischen Städten, darunter Perugia, Terni, Ascoli Piceno und Assisi, sowie L'Aquila geschlossen.

Die Sicherheit aller Schulen müsse überprüft werden, berichtete der Bürgermeister von L'Aquila, Maßimo Cialente. 2009 hatten Erdstösse Teile von L'Aquila verwüstet, damals gab es 306 Tote.

Die nun besonders stark betroffene Region liegt in der Nähe von Amatrice. Dort waren nach dem Erdbeben vom 24. August die meisten der fast 300 Todesopfer zu beklagen gewesen. Das Beben hatte damals eine Stärke zwischen 6,0 und 6,2. Es richtete Sachschäden in Höhe von rund vier Milliarden Euro an.

Laut INGV besteht ein Zusammenhang zwischen den Beben vom Mittwoch und dem Beben im August. «Die Nachbeben können lange dauern, manchmal Monate», sagte der Geologe Mario Tozzi im italienischen Fernsehen.

(L'essentiel/sep/afp)

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