Multikulti-Arbeit – Unternehmer zwischen den Welten
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Multikulti-ArbeitUnternehmer zwischen den Welten

KEHL – Frankreich diskutiert über eine Abschottung von der EU. Die Unternehmer in der Grenzregion interessiert das bisher kaum. Sie kämpfen mit anderen Herausforderungen.

Der Chef des Software-Unternehmens Actimage, Marc Lott, vertraut weiter auf gute Zusammenarbeit über die Grenze.

Der Chef des Software-Unternehmens Actimage, Marc Lott, vertraut weiter auf gute Zusammenarbeit über die Grenze.

DPA/Claudia Kornmeier

Auf den Fluren und in den Büros des Software-Unternehmens Actimage mischen sich deutsche und französische Stimmen wie selbstverständlich. Eine offizielle Arbeitssprache gibt es nicht. Schon gar nicht hier am Standort Kehl, wo die französische Grenze nur wenige Hundert Meter Luftlinie entfernt ist. Wer im Bewerbungsgespräch andeutet, dass er damit ein Problem haben könnte, hat bei Geschäftsführer Marc Lott schon verloren.

Der Franzose spricht selbst fließend Deutsch. Das war nicht immer so. Obwohl er im Elsass aufgewachsen ist, hat er in der Schule nur zwei Jahre die Sprache des Nachbarn gelernt. «Ich wollte auch kein Deutsch lernen», gibt der 52-Jährige zu. Als er mit dem Aufbau der Standorte in Deutschland begann, blieb ihm aber nichts anderes mehr übrig.

Deutsche erwarten konkrete Lösungen

Lott ist mit seinem Unternehmen von Straßburg aus nach Kehl und später weiter nach Berlin. Wenn er Schlangenlinien in die Luft malt, um zu veranschaulichen, was im deutschen Universitätssystem anders ist als im französischen, weiß man sofort, was er meint. Es genügt, ihn die Worte «concept» und «Konzept» aussprechen zu hören, um zu verstehen, dass dazwischen Welten liegen. Der Franzose erklärt die prinzipielle Durchführbarkeit eines Projekts, der Deutsche erwartet konkrete Lösungen.

Die IHK Saarland geht davon aus, dass es in dem Bundesland über 50 Unternehmen mit rund 100 Niederlassungen in Frankreich gibt. Eines davon ist Karlsberg. Die Brauerei hat seit Anfang der 1980er Jahre als einzige der großen deutschen Brauereien eine eigene Produktionsstätte in Frankreich. An den Standorten im saarländischen Homburg und im elsässischen Saverne arbeiten Menschen aus beiden Ländern.

«Franzosen eher indirekt»

«Die Kommunikation ist schon anders», sagt Christian Weber aus der Unternehmensleitung. «Es gibt zum Beispiel kein französisches Wort für "Führung".» Manche Schwierigkeiten entstünden auch durch unterschiedliche Herangehensweisen an Probleme. «In unserem deutschen Verständnis wird ein sehr direkter Weg zu einem Thema gewählt», sagt der 38-Jährige. «Im Französischen wird eher erstmal das Drumherum erklärt, da kommt man eher indirekt zum Punkt.»

Es sind also die fremde Sprache und Kultur, die den Alltag für Unternehmen in der Grenzregion manchmal kompliziert machen. Für Mitarbeiter aus dem jeweils anderen Land bedeutet es auch, sich in einem anderen Sozialsystem zurechtzufinden oder sich bei der Steuererklärung mit den Regeln für Grenzgänger auseinanderzusetzen. Die aktuelle Politik im französischen Präsidentschaftswahlkampf spielt dagegen bei Unternehmen eine eher untergeordnete Rolle - trotz der Forderungen nach einem Austritt Frankreichs aus der EU oder dem reisefreien Schengen-Raum.

Unbeeindruckt von LePen

Die Kandidatin der Front National, Marine Le Pen, wirbt im Wahlkampf nämlich mit dem Versprechen, im Fall eines Sieges ein Referendum über einen «Frexit» durchzuführen. Unternehmer Lott beeindruckt das wenig. Er vertraut darauf, dass Le Pen nicht gewinnen wird, auch wenn sie voraussichtlich die Stichwahl erreichen wird. Außerdem sieht er die Politik sowieso nicht unbedingt in der Pflicht, mehr für die Wirtschaft zu tun. Die Unternehmen müssten selbst verstehen, dass eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit für sie von Vorteil ist. Dennoch sagt auch er: «Ich hoffe, dass wir nicht zurückfallen.»

(L'essentiel/dpa)

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