4,73 Milliarden Blätter – US-Künstler druckt das Internet aus

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4,73 Milliarden BlätterUS-Künstler druckt das Internet aus

Kenneth Goldsmith ruft die Welt dazu auf, ihm gedruckte Internetseiten zu schicken. Das Projekt ist eine poetische Hommage an den toten Aktivisten Aaron Swartz.

«Druckst du wieder Mal das Internet aus?», fragt man im Scherz, wenn ein Arbeitskollege Dutzende von Seiten aus dem Drucker lässt. Kenneth Goldsmith nimmt den Satz wörtlich: Auf seinem Tumblr-Blog rief der Künstler im Mai dazu auf, Inhalte aus dem Internet auszudrucken und nach New Mexico zu schicken. Ende Juli waren es schon 10 Tonnen Papier – und es geht weiter.

Kenneth Goldsmith kämpft für Informationsfreiheit. Das Projekt sei eine «poetische Hommage» an das Web-Wunderkind Aaron Swartz, der sich bis zu seinem Suizid Anfang des Jahres für den freien Zugang von Informationen im Internet eingesetzt hatte. Swartz stand vor Gericht, weil er mehrere Millionen wissenschaftlicher Dokumente aus einem kostenpflichtigen Online-Archiv heruntergeladen und ins Netz gestellt hatte. Im Fall einer Verurteilung hätten ihm bis zu 35 Jahre Haft gedroht.

«Die Menge an Informationen, die Swartz befreit hat, war enorm», sagt Goldsmith zu «Yahoo News». «Wir können das Ausmaß dieser Handlung erst verstehen, wenn wir diese Menge materialisieren.» Es sei eine «poetische Geste», zitiert ihn die «Washington Post». «Seine war eine politische, eine Geste der Befreiung.»

Stapel wäre 492 Kilometer hoch

Die entdigitalisierten Inhalte werden in New Mexiko in einer Galerie ausgestellt, die 500 Quadratmeter Platz bietet. Goldsmith nimmt alles an, was ihm zugeschickt wird, solange es auf Papier ist und aus dem Internet stammt. «Ich glaube, wir haben das meiste», scherzt er. Ein kleines Stück fehlt aber noch. Der Blog Techhive hat ausgerechnet, dass 4,73 Milliarden Blatt Papier nötig wären, um alles auszudrucken. Der Stapel wäre 492 Kilometer hoch.

Kritiker werfen Goldsmith vor, wegen des vielen bedruckten Papiers Ressourcen zu verschwenden. 250 Menschen haben eine Online-Petition unterschrieben, die ihn auffordert, zum Wohle der Umwelt aufzuhören. Der Künstler kontert: «Alle Kunst ist Spektakel und das verursacht nun einmal Umweltkosten», zitiert ihn die «Süddeutsche Zeitung». Niemand frage nach dem Geld, das beim Transport einer der riesigen Skulpturen von Jeff Koons koste, «aber bei meinem Projekt sprechen gleich alle von einem Baum-Holocaust.»

Es gibt aber auch virtuelle Unterstützung. So schreibt ein User auf Twitter: «Wenn das Web zusammenbricht, woher bekommt ihr dann Pornos, Katzenfotos und Geheimdienst-Dokumente? Druckt das Internet aus!»

Vorlesen – von der ersten bis zur letzten Seite

Während das Internet nach und nach eintrudelt, sind Helfer von Goldsmith dabei, die Inhalte vorzulesen. Angefangen wird mit der allerersten Seite, aufgehört mit der letzten. Die Ausstellung läuft noch bis zum 30. August. Bis dahin dürfen alle noch ein paar Blätter Internet nach New Mexico schicken.

(L'essentiel Online/rey)

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