Corona-Pandemie – Varianten machen Prognosen auch im Frühling schwierig

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Corona-PandemieVarianten machen Prognosen auch im Frühling schwierig

Die Temperaturen steigen, die Erkältungsgefahr sinkt. Schwächt sich nun auch das Virus? Nicht zwingend, sagen Wissenschaftler. Die Mutationen seien ein unberechenbarer Faktor.

Die Vorteile, die der Frühling bringt, könnten von den infektiöseren Mutanten quasi «aufgefressen» werden, sagen Wissenschaftler.

Die Vorteile, die der Frühling bringt, könnten von den infektiöseren Mutanten quasi «aufgefressen» werden, sagen Wissenschaftler.

DPA/Felix Kästle

«Die Saisonalität von Viren, die über die Atemwege verbreitet werden, ist ungeheuer komplex», sagt Ulf Dittmer, der Direktor des Instituts für Virologie des Uniklinikums Essen. «Sie lässt sich nicht an einzelnen Faktoren festmachen.» Immerhin: Das Robert Koch-Institut geht davon aus, dass sich Sars-CoV-2 in der kälteren Jahreszeit besser verbreitet. Im Sommer schwäche sich die Übertragungsdynamik tendenziell ab.

«Dass wir 2020 einen so entspannten Sommer hatten, hatte wahrscheinlich damit zu tun, dass unsere Fallzahlen im Frühjahr unter einer kritischen Schwelle geblieben sind», sagte Christian Drosten, der Leiter der Virologie an der Berliner Charité, zum Spiegel. «Das ist inzwischen aber nicht mehr so.» In Spanien etwa seien die Fallzahlen im Sommer nach einem Lockdown wieder gestiegen – trotz Hitze.

UV-Strahlung kann Virus schädigen

Laut der Virologin Stephanie Pfänder von der Ruhr-Universität Bochum können Umwelteinflüsse die Stabilität von Coronaviren beeinflussen und auch auf Aerosole oder Tröpfchen wirken. Laut Dittmer ist die Virushülle bei einer Temperatur von etwa zehn Grad besonders stabil. «Je wärmer es wird, desto mehr nimmt die Stabilität ab», erklärt der Virologe. Auch UV-Strahlen wirken auf das Virus. Sie können die virale Nukleinsäure angreifen und die genetische Information schädigen. «Ganz grob kann man sagen, dass UV-Strahlung in der Lage ist, das Virus zu inaktivieren», sagt Pfänder. Die Viren seien dann nicht mehr infektiös.

Auch die Luftfeuchtigkeit beeinflusst das Virus. Das legen Untersuchungen zu Übertragungen in Innenräumen nahe. Laut dem Leipziger Aerosolforscher Ajit Ahlawat und weiteren Forschern des Leibniz-Instituts für Troposphärenforschung ist die Ansteckungsgefahr im Inneren bei höherer Luftfeuchtigkeit niedriger als normal. Bei trockener Luft würden zudem die Nasenschleimhäute trockener und durchlässiger für Viren. «Im Sommer ist unser Immunsystem besser darin, neue Keime schnell und effizient abzuwehren. Das trifft auch auf Sars-CoV-2 zu», sagt die Immunologin Eva Peters. Wie stark Vitamin D gegen das Virus hilft, sei hingegen umstritten.

Mutante machen Prognosen schwierig

«Wir wissen von Coronaviren, dass der R-Wert, also die Reproduktionsrate des Virus, aufgrund dieser Faktoren im Frühjahr und Sommer deutlich sinkt», sagt Dittmer. «Also mindestens um den Faktor 0,5, vielleicht sogar noch mehr.» Die Experten weisen allerdings auch darauf hin, dass Virusmutationen Prognosen aktuell schwierig machen. Die Vorteile, die der Frühling bringt, könnten von den infektiöseren Mutanten quasi «aufgefressen» werden, sagt Dittmer.

Die saisonalen Effekte könnten dann möglicherweise nicht dafür ausreichen, dass der R-Wert langfristig unter die Schwelle von 1 sinkt, ab der die Pandemie abflaut. Pfänder geht davon aus, dass die wärmere Jahreszeit grundsätzlich schon dazu beitragen könne, die Übertragungsdynamik abzubremsen. «Das Auftreten und die Verbreitung von Mutanten ist aber tatsächlich ein Faktor, der unberechenbar ist.»

(L'essentiel/DPA/mur)

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