Argentinien – Verletzter Junge wird acht Stunden abtransportiert
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ArgentinienVerletzter Junge wird acht Stunden abtransportiert

Ein Junge in einem abgelegenen Dorf im Norden Argentiniens wurde beim Spielen verletzt. Damit er medizinisch versorgt werden konnte, mussten die Dorfbewohner das Kind zu Fuß transportieren.

Eine Geschichte der Solidarität, die zugleich die leidvolle Situation der indigenen Bevölkerung in Argentinien visualisiert, wird auf Social Media rege geteilt. Der sechsjährige Thiago hat sich am Donnerstag beim Spielen auf dem Pausenplatz seiner Schule verletzt. Nachdem ein Felsstück auf den Kleinen gefallen war, benötigte Thiago medizinische Versorgung. Thiago wohnt in der kleinen Ortschaft El Tolar in der nördlichen Provinz Catamarca, das Dorf liegt auf 3200 Meter über dem Meeresspiegel und ist etwa 20 Kilometer vom nächsten Städtchen entfernt. Nur: Es führt kein befahrbarer Weg dorthin. El Tolar ist mitten im Nichts.

So musste Thiago an ein Bett gebunden und von Dorfbewohnern acht Stunden lang durchs Gebirge getragen werden. Die Männer tauschten sich aus, um das Kind auf ihren Schultern zu transportieren. Bei der Route, die nach El Trapiche führt, wartete dann eine Ambulanz, die den Sechsjährigen ins regionale Krankenhaus brachte. Der Junge hat sich ein Bein gebrochen. Zudem hat er alle Zähne verloren und schwere Verletzungen im Mund erlitten. Nach der Erstversorgung wurde er weiter ins eineinhalb Stunden entfernte KinderKrankenhaus in der Provinzhauptstadt verlegt.

Wann wird der Weg ins Dörfchen gebaut?

Es war Thiagos Lehrerin, die die Geschichte auf Facebook publizierte. Der Vater des Jungen eilte zu seinem Sohn, der vor Angst weinte – er war in seinem kurzen Leben noch nie in einer Stadt gewesen. «Ich habe mir immer schon Sorgen gemacht, was passieren würde, wenn sich mal einer hier verletzt. Und jetzt ist es passiert», sagt die Lehrerin Amalia Agüero zur argentinischen Zeitung «Pagina 12». Die indigene Gemeinde von El Tolar hat 90 Einwohner. Thiagos Rettung habe nur funktioniert, «weil diese Menschen auf sich gegenseitig aufpassen, und jeder hilft, wo er kann».

Sie selber weiß, wie anstrengend es ist, in El Tolar zu leben. «Ich fahre mit dem Auto bis zum nächsten Dorf. Dort miete ich ein Pferd und gehe den restlichen Weg durch den Berg. Wenn alles gut geht, schaffe ich es in neun Stunden, manchmal sind es auch 12». Amalia Agüero bleibt zwischen 21 und 25 Tagen im Dörfchen und unterrichtet von Montag bis Samstag. Seit 2018 fordert sie von den lokalen Behörden, dass ein befahrbarer Weg bis El Tolar gebaut wird. Die Pläne sind erstellt, doch gebaut wurde bis heute nichts.

(L'essentiel/Karin Leuthold)

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