Ungleichheit in Luxemburg – Viele Haushalte «kommen kaum über die Runden»

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Ungleichheit in LuxemburgViele Haushalte «kommen kaum über die Runden»

LUXEMBURG – Das Sozialpanorama der Arbeitnehmerkammer macht die wachsenden Ungleichheiten im Land sichtbar. Ein Trend, den es nicht erst seit der Krise gibt.

Luxemburg, ein reiches Land, in dem der Wohlstand immer weniger gut verteilt ist. Das Armutsrisiko steigt, die Ungleichheit wächst, die Arbeitsplatzunsicherheit nimmt zu und das Lohngefälle vergrößert sich. Das jährliche Sozialpanorama der Arbeitnehmerkammer (CSL), das am Mittwoch vorgestellt worden ist, zeichnet ein besorgniserregendes gesellschaftliches Bild des Großherzogtums. «Reichtum verdeckt oft die wahre Situation vieler Menschen», beklagt Jean-Claude Reding, Vizepräsident der CSL. «Unsere Analyse zeigt, dass die Ungleichheiten im Land seit Jahren zunehmen.»

Der Gini-Index, der die Ungleichheit misst, ist für das Jahr 2019 dem Bericht nach um 3,4 Prozent stark gestiegen (auf über 32). Im Euroraum ist er im gleichen Zeitraum gesunken. Eine Kluft, die insbesondere durch die Gehälter entsteht. Von 2010 bis 2019 ist die Kaufkraft von Besserverdienenden um neun Prozent gestiegen, bei Geringverdienenden lediglich um 4,8 Prozent.

Besorgniserregender Trend

Auch das Armutsrisiko steigt mit diesen Ungleichheiten tendenziell. Im Jahr 2019 lag es bei 17.4 Prozent. Ohne Sozialleistungen wie beispielsweise Wohngeld oder Renten läge das Armutsrisiko sogar bei 46,1 Prozent. Allerdings reichen die Mittel tendenziell auch im Jahr 2019 für immer weniger: Mehr als jeder vierte Haushalt (26,4 Prozent) hat Schwierigkeiten, «über die Runden zu kommen», wie die CSL feststellt.

Obwohl die Zahl im Jahresvergleich 2019 leicht rückläufig war, ist der Trend besorgniserregend: Der Anteil der Familien in Luxemburg, die am Monatsende Schwierigkeiten bekommen ist seit 2003 um 31 Prozent gestiegen. Nicht zuletzt wegen hoher Wohnkosten, vor allem für ärmere oder zur Miete wohnende Haushalte. Die am wenigsten wohlhabenden Haushalte geben 58,6 Prozent ihres Einkommens für Wohnen aus (bei den «Nicht-Armen» ist es mit 30,25 Prozent des Einkommens etwa halb so viel).

«Diese Ungleichheiten betreffen die Menschen unterschiedlich», sagt Reding, «es ist abhängig vom Einkommensniveau, Beschäftigungsgrad, Geschlecht...». 41,3 Prozent der Familien mit einem Elternteil sind von Armut bedroht, meist alleinerziehende Mütter, gefolgt von Großfamilien mit einem Armutsrisiko von 35,1 Prozent. Darüber hinaus sind 82,1 Prozent der Teilzeitbeschäftigten des Großherzogtums Frauen, Rekord in der Eurozone. Zusätzlich nimmt die Arbeitsplatzunsicherheit zu. Befristete Arbeitsverhältnisse sind auf dem Vormarsch, auch wenn noch eine Minderheit darstellen und mehrheitlich Jugendliche betrifft.

Für Jean-Claude Reding brauche das Großherzogtum, einen starken politischen Willen im Bezug auf Einkommen, soziale Sicherheit und den Schutz der Arbeitsbedingungen sowie öffentliche Investitionen in soziale Einrichtungen, um den Trend umzukehren. Umso mehr gelte dies, da die analysierten Daten aus dem Jahr 2019 stammen. «Das ist ein grundsätzliches Problem, das sich durch die Gesundheitskrise sicherlich noch verschärfen wird», sorgt sich Jean-Claude Reding.

(jw/L'essentiel)

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