Luxemburger Rettungsdienste – «Viele sind uns gegenüber respektlos»

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Luxemburger Rettungsdienste«Viele sind uns gegenüber respektlos»

BETTEMBURG – Die Sanitäter in Luxemburg arbeiten an ihrer Leistungsgrenze. Max Delvaux (19) ist Freiwilliger in Bettemburg. Die Kritik im Fall Ricardo trifft ihn hart.

Max hat mehr als 2000 Freiwilligenstunden im Vorjahr absolviert.

Max hat mehr als 2000 Freiwilligenstunden im Vorjahr absolviert.

«Wir riefen mehrmals den Notruf. Aber der Krankenwagen kam erst nach einer halben Stunde.» Gegenüber L'essentiel berichtete eine Zeugin von den Ereignissen in Esch/Alzette am 7. März. In den späten Abendstunden lag dort der 18-jährige Ricardo auf der Straße vor einer Kneipe in der Rue du Canal und starb. Die Rettungsdienste des Großherzogtums erklärte später: Die zweite Ambulanz in Esch war nicht einsatzbereit, ein Wagen aus dem weiter entfernten Zolwer musste anrücken.

Drei Krankenwagen sind in Esch stationiert. Dennoch hatte die Wache an dem fraglichen Samstag nur eine Ambulanz einsatzbereit. Denn die anderen Wagen konnten nicht besetzt werden – aus Mangel an Personal. Denn die luxemburgischen Rettungsdienste bauen auf freiwillige Helfer und obwohl immer mehr Patienten versorgt werden müssen, geht das ehrenamtliche Engagement immer mehr zurück.

«Die Menschen genießen lieber ihre Freizeit»

Für Jean-Jacques Schroeder, den Leiter des «Centre d’Intervention» in Bettemburg (Cibett), handelt es sich um ein gesellschaftliches Problem. «Tatsächlich geht die absolute Zahl der Freiwilligen nicht zurück. Jedes Jahr gewinnen wir 12 bis 13 neue dazu. Aber das Engagement wird immer weniger. Als ich vor 20 Jahren anfing, musste man kämpfen, um sich auf dem Dienstplan einzuschreiben. Heute genießen die Menschen lieber ihre Freizeit, den Urlaub oder gehen sonntags einkaufen. » Heute, sagt Schroeder, «konnten wir erst um 14.50 Uhr die Löcher im Dienstplan für die Schicht um 15 Uhr stopfen». «Wir rufen immer dieselben Freiwilligen an. Das geht nicht. Mit der Zeit nimmt das Interesse bei manchen ab und sie heben am Telefon gar nicht mehr ab, wenn man sie anruft.»

Trotz seiner erst 19 Jahre weiß Max Delvaux ziemlich genau, was er will: Menschen in Not zu helfen. Daher zählt er auch nicht die Stunden, die er im Cibett verbringt. Max arbeitet dort seit drei Jahren als freiwilliger Sanitäter. «Es gibt immer weniger Freiwillige. Es wird immer schwerer», sagt er. In Cibett stünden hundert freiwillige Helfer in der Bereitschaftsliste – aber nicht alle beteiligten sich auch an den Diensten. «Man wird als aktives Mitglied angesehen, wenn man eine Stunde Freiwilligenarbeit pro Jahr verrichtet», erklärt Delvaux. Nur 30 bis 40 der registrierten Freiwilligen würden auch regelmäßig Dienst scheiben, zusätzlich zu den vier Hauptberuflichen, erklärt der junge Mann, der gerade sein letztes Jahr im Athénée de Luxembourg absolviert. Danach will Max Medizin studieren.

Trotz der Schwierigkeiten will Max nicht nachlassen – ein wenig mehr Anerkennung wünscht er sich allerdings schon. Die Kritik an den Rettungsdiensten nach dem Tod von Ricardo hat Max schwer getroffen. «Die Menschen glauben, dass die Rettungsdienste nicht schnell genug sind oder ihre Arbeit nicht machen. Einige sind respektlos uns gegenüber, wissen aber nicht, dass ich zum Beispiel als Freiwilliger auch noch zur Schule gehe. Das ist entmutigend, so etwas zu hören.»

«Müssen Taxi spielen»

Auch die vielen Rettungsfahrten «für nichts» heben nicht unbedingt die Stimmung. «Wir werden oft von Leuten angerufen, die Kopfschmerzen oder Erkältungen haben. Man hat den Eindruck, wir müssen Taxi spielen», erklären Max und seine Freiwilligenkollegin Blondine. «Das ist problematisch», sagt Max. In jedem Einsatzzentrum müssen zwei Krankenwagen zur Verfügung stehen. Einer muss 24 Stunden lang sofort einsatzbereit sein, der andere kann, muss aber nicht unbedingt über ein sofort einsatzbereites Team verfügen. «Im zweiten Krankenwagen müssen wir oft Menschen, die auf Abruf zu Hause sind, reinholen. Es dauert, bis sie sich angezogen haben und hier ankommen. Da muss man dann fünf bis zehn Minuten dazurechnen.»

Zusätzlich zu seinem Freiwilligendienst dreht Max auch Videos für die Facebook-Seite des Cibett.

(Juliette Devaux/L'essentiel)

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