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PolestarVom Tuning-Brand zum neuen Volvo-«Leitstern»

Die Elektro-Luxusmarke Polestar orientiert sich an der digitalen Welt und will damit zum Vorreiter werden.

Wie ein Stern geboren wird, kann man bei Polestar live verfolgen: «Bumm, auf einmal geht es», beschreibt Markenchef Thomas Ingenlath den unternehmerischen Urknall. Kalifornische und chinesische Start-ups seien sich da nicht unähnlich, bei beiden würden die Dinge unkompliziert angegangen. «Diese ungehemmte Energie, etwas Neues zu beginnen, und das Vertrauen, dass man so etwas machen kann – das haben wir alle, inklusive mir, lernen müssen.» Polestar ist nur eine der Neugründungen des Geely-Konzerns: «Lynk & Co ist die junge, hippe Marke, bei der das Auto nur ein Element der Mobilität ist. Polestar will dagegen Nachhaltigkeit mit einer subtilen Art von Luxus verknüpfen», so Ingenlath.

Gründergeist gegen Petrolheads

Komplikationen gab es bei der Geburt der Elektro-Luxusmarke trotzdem. Zu widerstrebend waren die Einflüsse: außer dem tatkräftigen schwedisch-chinesischen Gründergeist etwa ein spritversessenes Tuningteam. Doch der Reihe nach. Am Anfang stand eine filigrane Sportwagenstudie: ästhetischer Sternenstaub, den man sich nicht so schnell aus den Augen reibt. Nach Stationen bei Audi, Volkswagen und Škoda hatte Thomas Ingenlath damit sein Meisterstück abgeliefert. Das war 2013 eine Sensation, denn der neu berufene Volvo-Designchef hatte nicht nur einen coolen Look mit natürlichen Formen für die Schwedenmarke entworfen, sondern auch einen Zweitürer mit italienischem Schwung, der nicht so ganz zum Ziegeldesign der Volvo-Historie passte.

Die Studie berief sich zwar auf das legendäre P1800 Coupé aus den 60er-Jahren. In der (geplanten) Volvo-Palette war für die Luxusflunder trotzdem kein Platz. «Wir haben über das Concept Coupé nachgedacht, unser Entwicklungschef Peter Mertens hatte die Idee, einen leistungsstarken Hybrid zu bauen. Und dann weiß ich noch ganz genau, wie (Volvo-Chef ) Håkan Samuelsson zu mir kam und fragte, ob ich mir vorstellen könnte, dass nur dieses Fahrzeug den Polestar-Stern trägt und überhaupt nicht Volvo ist», erinnert sich Ingenlath.

Polestar mussten wir radikal «umbauen»

Das war 2015, und die Schweden hatten gerade ihren Haus-Tuner Polestar übernommen. «Es war klar, dass die Elektrifizierung der Modellpalette eine wesentliche Rolle spielen wird», berichtet Ingenlath. «Aber es war nicht so, dass die Marke Polestar, von dem, was sie bis dahin gemacht hatte, also Tuning und Racing, einen dazu getriggert hätte. Wir haben da einen radikalen Bruch gemacht.» Im Unterschied zu Tesla soll Polestar rasch Profit abwerfen. Geplant war im ersten Schritt eher eine Aston-Martin-ähnliche Ausrichtung der jungen Marke. «Das war hinsichtlich der Positionierung simpel gedacht: on top of Volvo. Ab dem Polestar 1, also ab 150.000 Euro aufwärts.»

Dann kam das Tesla Model 3, die Elektromobilität wurde auch in der Mittelklasse topaktuell, und der hergebrachte Luxusbegriff mit viel Pomp und Chrom wirkte ziemlich gestrig. «Gleichzeitig zu diesen Überlegungen haben wir bei Volvo das Konzept 40.2 gezeigt», so Ingenlath. Noch in der Rolle des Volvo-Chefdesigners präsentierte er Mitte 2016 zwei Nachfolgemodelle der kleinen V40-Baureihe. Das Konzept 40.1 wurde zum Volvo-Kompakt-SUV XC40. Aber der breite Viertürer mit dem Fließheck auf derselben CMA-Plattform passte nicht ins Volvo-Portfolio. «In dieses Konzept waren wir ähnlich wie beim Concept Coupé auch alle verliebt», so Ingenlath. «In dem Moment, in dem wir es (in die Volvo-Palette) reingezwängt hätten, hätte es seinen Charme verloren.»

Kampfansage an das Model 3 von Tesla

So kam die junge Marke zum Polestar 2. Erste Kundenfahrzeuge können ab 2020 bestellt werden. Die elektrische Fließhecklimousine zielt unverkennbar auf das Tesla Model 3 – auch mit einem Einstiegspreis von rund 39.000 Euro für die kleinere Batterievariante. Der Start mit einem Sportwagen ähnelt ebenfalls der Tesla-Story. Während der 600 PS starke Polestar 1 als Kleinserie in einer Schaufabrik im chinesischen Chengdu gebaut wird – rund 20 von Schweizer Kunden bestellte Exemplare werden in den nächsten Monaten ausgeliefert –, rollt der Polestar 2 zusammen mit dem Volvo XC 40 und dem Lynk & Co 01 im Mehrmarkenwerk Luqiao der Volvo Car Group vom Band.

Anders als Tesla soll Polestar also nicht über lange Zeit ein Manufakturbetrieb bleiben, sondern über geteilte Entwicklungsplattformen und Produktionsstätten des Geely-Konzerns schnell profitabel werden. Da seien die Racing-Gene durchaus hilfreich, sagt Ingenlath schmunzelnd. Mit Spannung wird die Vorstellung des dritten, deutlich größeren Polestar-Modells erwartet. Die «Süddeutsche Zeitung» veröffentlichte erstmals Zeichnungen aus dem Entwurfsprozess für dieses SUV im lukrativen Segment eines BMW X4.

Ein Hauch von Kalifornien im Polestar 3

Anders als die bisherigen Modelle soll der Polestar 3 auf der größeren, weiterentwickelten SPA-Plattform des Volvo XC90 stehen, die auch für reine Elektrofahrzeuge geeignet ist. Geplante Vorstellung: 2021. Aus der Zusammenarbeit mit Google-Leuten gelernt: Kalifornische Einflüsse sind auch im Innenraum des Polestar 2 zu spüren. «Vom Spirit her ist sehr viel Apple drin», betont Ingenlath. Der iPhone-Konzern habe es geschafft, Ästhetik und Technologie so zu vermitteln, dass es Begehrlichkeit wecke. Also nicht Technik um der Technik willen. «Das ist etwas, das ich vermisst habe in der Automobilindustrie und was ich absolut bei der Marke Polestar anders machen möchte.»

Mit dem Namen Polestar sei das Bild eines Leitsterns verbunden, der den anderen Konzernmarken den Weg weise. Nicht nur bei der Elektromobilität, sondern etwa auch bei der Mensch-Maschine-Schnittstelle. Auf der Entwicklerkonferenz Google I/O im Mai präsentierte Ingenlath den Polestar 2 zusammen mit seinem Infotainmentsystem der nächsten Generation. Von den Elektronik-Insellösungen der Autohersteller hält er nichts. «Die Idee, dass ich meinen eigenen Sprachassistenten baue, ist nicht zielführend.»

«Da waren wir noch am Überlegen, was wir da machen»

Stattdessen berichtet Ingenlath staunend von der Zusammenarbeit mit den Android-Auto-Entwicklern: «Der Speed, mit dem die arbeiten, ist einfach unglaublich. Nach zwei Monaten hatten die Google-Leute alle Plätze für Elektroladestationen topaktuell in die Navigation integriert. Da waren wir noch am Überlegen, was wir da machen.» Tempo ist definitiv ein Thema bei der neuen Automarke. Der Leitstern für Polestar (und viele neue Hersteller aus China) sind daher nicht die etablierten Automarken, sondern die Vorreiter der digitalen Welt.

(L'essentiel)

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