Dr Sex – «Warum ist er beim Sex so egoistisch?»

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Dr Sex«Warum ist er beim Sex so egoistisch?»

Mo kann es nicht fassen, dass ihr Freund im Bett nur noch bedient werden will.

Viele haben die Einstellung, dass Sex in einer Beziehung ein balanciertes Geben und Nehmen zwischen zwei Menschen sein sollte.

Viele haben die Einstellung, dass Sex in einer Beziehung ein balanciertes Geben und Nehmen zwischen zwei Menschen sein sollte.

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Frage von Mo (34) an Dr Sex: Ich bin mit meinem Freund seit zwei Jahren zusammen. Am Anfang hat er sich beim Sex stets darum gekümmert, dass auch meine Bedürfnisse befriedigt werden und mich geleckt, gestreichelt oder innig geküsst. Seit einem halben Jahr sind seine Aufmerksamkeiten mir gegenüber aber drastisch zurückgegangen.

Jetzt möchte er nur noch bedient werden und macht keinerlei Anstalten, mir etwas zu geben. Ich habe ihm bereits gesagt, dass es mir so nicht gefällt und Sex ein Geben und Nehmen sein sollte. Trotzdem hat sich nichts geändert. Es geht einfach nur um seine Befriedigung und dass er kommen kann.

Als ich das Thema neulich mit meinen Freundinnen besprach, kam heraus, dass viele von ihnen Ähnliches erleben. Meine Frage ist daher: Warum werden Männer mit der Zeit im Bett so extrem egoistisch und denken nur noch an sich? Kann man dies abwenden oder ändern? Und wie geht man als Partnerin damit um?

Antwort von Dr Sex

Liebe Mo

Was du schilderst, ist in meiner Beratungspraxis häufig ein Thema, denn für gewöhnlich haben die ersten zwei bis drei Jahre des Zusammenseins auch Auswirkungen im Bett. Man kennt sich und weiß, wie der Hase läuft. Es kehrt Alltag ein, manchmal sogar Langeweile, und der Sex ist oft nur noch Mittel zur Lustbefriedigung und zum Spannungsabbau.

Dies ist aber einfach nur die dunkle Kehrseite einer Medaille, von der die meisten Menschen – motiviert von entsprechender Ratgeberliteratur – nur die glänzende Seite sehen wollen. Trotzdem ist es unvermeidlich, dass die Lust aufeinander und damit zwangsläufig auch der Sex in der Beziehung anders und oft sogar ziemlich unwichtig wird.

Auch du scheinst von irgendwoher genau zu wissen, wie Sex in einer Beziehung sein muss, nämlich ein balanciertes Geben und Nehmen zwischen zwei Menschen, das auf einer stets gleichbleibenden Anziehung basiert und primär dazu dient, sich gegenseitig zu versichern, dass man sich bedingungslos liebt und zwischenmenschlich alles in Ordnung ist.

Dein Konzept – das du übrigens mit einer Mehrheit teilst – negiert jedoch gänzlich die Abgründe der menschlichen Natur: Den Egoismus oder die Machtgelüste des Menschen, seine Trägheit oder die Willfährigkeit den eigenen Trieben gegenüber, um nur ein paar zu nennen. Und es ignoriert, dass nichts je so bleibt, wie es ist.

Der Weg zum Verständnis für das Handeln deines Partners führt daher zwingend über eine kritische Auseinandersetzung mit deinem Menschenbild. Und dazu gehört, dass du dich zuerst einmal verabschiedest von der Idee, Männer und Frauen seien bezüglich ihrer Schattenseiten gänzlich anders. Beide Geschlechter sind nämlich zu jeder erdenklichen Schweinerei fähig.

In diesem Prozess erkennst du dann vielleicht auch, dass all die Konstruktionen und Konzepte, auf die Menschen sich verlassen, ziemlich unbeständig sind. Oder anders: Dass ein friedliches Zusammenleben in einer Beziehung keine Selbstverständlichkeit ist, sondern bedingt, dass sich zwei Menschen immer wieder neu aufeinander einlassen und verhandeln.

So betrachtet, kann das Verhalten deines Freundes auch gelesen werden als innerliche Kündigung – zumindest was den Sex angeht. Ich denke daher, dass bei euch nach zwei Jahren Beziehung nun eine Standortbestimmung ansteht. Alles Gute!

(L'essentiel/wer)

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Bruno Wermuth ist Sexualberater und -pädagoge. Als «Dr. Sex» beantwortet er Fragen der L'essentiel- und 20 Minuten-Leser zur schönsten Nebensache der Welt.

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