Kreativer Widerstand: Was bedeuten die weißen Blätter bei den Protesten in China? 

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Kreativer WiderstandWas bedeuten die weißen Blätter bei den Protesten in China? 

Bei den größten Protesten gegen die Covid-Politik der chinesischen Regierung gibt es einige kreative Formen des Widerstandes: leere A4-Blätter, Mathegleichungen und – Alpakas.

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Weiße A4-Seiten in Peking: Symbol gegen die Zensur und die daraus folgende Sprach- und Wortlosigkeit, aber auch … 

Weiße A4-Seiten in Peking: Symbol gegen die Zensur und die daraus folgende Sprach- und Wortlosigkeit, aber auch … 

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 … ein Mahn- und Trauerzeichen, zumal Weiß in China eine Farbe der Trauer ist.

… ein Mahn- und Trauerzeichen, zumal Weiß in China eine Farbe der Trauer ist.

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Viele gedenken bei den Protesten auch der Todesopfer eines Brandes in Ürümqi von letzter Woche. Diese hätten wegen der strengen Corona-Maßnahmen nicht rechtzeitig gerettet werden können, so der Tenor. 

Viele gedenken bei den Protesten auch der Todesopfer eines Brandes in Ürümqi von letzter Woche. Diese hätten wegen der strengen Corona-Maßnahmen nicht rechtzeitig gerettet werden können, so der Tenor. 

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Je mehr zum Schweigen gezwungen, desto kreativer der Widerstand. Dieser Schluss lässt sich mit Blick auf die seltenen Proteste ziehen, welche seit einigen Tagen die chinesischen Großstädte erfasst haben. 

  • Die weißen Seiten 

Ins Auge fallen zunächst die unbeschriebenen, weißen Blätter, welche viele Demonstrierende hochheben. Sie symbolisieren nicht nur die Zensur und die daraus folgende Sprach- und Wortlosigkeit der Menschen. «Das weiße Papier symbolisiert die Unzufriedenheit, dass alle verstehen, wovon wir sprechen, dies aber nicht explizit sagen dürfen», so ein Demonstrant zur Nachrichtenagentur Reuters.

Oder wie es die «NZZ» auf den Punkt bringt: «Die Demonstranten drücken sich damit prägnanter aus, als sie dies mit Worten könnten. Denn während die Regierung in der Vergangenheit mit konsequenter Zensur von Symbolen und Begriffen Proteste abschwächte, lässt sich herkömmliches Papier kaum verbieten.»

Die weißen Seiten können aber auch als Mahn- und Trauerzeichen gelesen werden, zumal Weiß in China auch bei Beerdigungen zu sehen ist. Der Zusammenhang ist ein Brand in der Millionenstadt Ürümqi im Nordwesten des Landes, bei dem letzte Woche mindestens zehn Fabrikarbeiter ums Leben kamen. Das Unglück stand am Anfang der Proteste, denn viele sind der Meinung, dass die Rettungsarbeiten wegen der strengen Corona-Maßnahmen behindert worden waren.

  • Mathematische Gleichungen 

Nicht alle Blätter bleiben unbeschrieben. Studierende der Elite-Universität Tsinghua etwa kritzeln als Zeichen des Protestes eine mathematische Gleichung auf das Papier (siehe Bildstrecke). Es handelt sich dabei um die sogenannten Friedmann-Gleichungen, die in der Kosmologie die zeitliche Entwicklung des Universums beschreiben. Um sie geht es allerdings nicht, sondern um den russischen Namensgeber, den Mathematiker und Physiker Alexander Friedmann: Sein Name klingt wie «freed man», «befreiter Mensch». 

Andere Protestierende zeichnen ein Ausrufezeichen auf rotem Hintergrund auf Papier: Es erinnert an das Zeichen, wenn bei Messengerdiensten wie Wechat eine Nachricht nicht zugestellt wird. Mut zeigte auch eine junge Frau in Wuhzen, etwa 120 Kilometer südwestlich von Shanghai. Sie marschierte mit einem weißen Blatt in den Händen, trug aber Ketten um die Arme und hatte ihren Mund mit Gaffertape zugeklebt. 

  • Alpakas als Protestsymbol

Beachtung fand auch eine Frau in Ürümqi, der Hauptstadt des uighurischen, autonomen Gebietes Xinjiang. Sie ging mit drei Alpakas spazieren, der kleineren Version von Lamas. Diese Tiere werden in China seit 2009 als Symbol des Protestes gegen die Internetzensur verwendet.

Das geht auf «Cao Ni Ma» zurück, ein mystisches, alpakaähnliches Wesen. Direkt übersetzt heißt es «Gras-Schlamm-Pferd». Doch je nachdem, wie auf Chinesisch eine Silbe betont wird, ergibt sich daraus ein Wortspiel, beziehungsweise ein derber Fluch («Fi** deine Mutter»).  

Da Beleidigungen oder Schimpfwörter in China auf dem Index stehen, ist das Lama, das für das «Gras-Schlamm-Pferd» steht, schon länger zu einem wichtigen Bestandteil der chinesischen Popkultur geworden. 2012 setzten chinesische Internetnutzer den 1. Juli als «Gras-Schlamm-Pferd-Tag» fest. Es ist sicher kein Zufall, dass dieses Datum auf den Tag fällt, an dem China die Gründung der Kommunistischen Partei feiert. 

  • Gegenteil-Gesang

Skandieren und Singen sind wohl die internationalsten und ältesten Protestformen. Auch jetzt in China singen die Menschen auf der Straße, was angesichts des riesigen Polizeiaufgebotes nicht ungefährlich ist. Auf Twitter beobachtete Tony Lin, dass die Polizei die Menschen aufforderte, das Skandieren von «Keine Lockdowns mehr» einzustellen. Daran habe sich die Menge gehalten – und stattdessen «Mehr Lockdowns» oder «Ich will Corona-Tests machen» angestimmt. Clever, zumal die Polizei gegen diese Slogans bestimmt nichts haben kann. 

(gux )

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