Ukraine-Krieg: Was ist an den Vorwürfen dran, die Ukraine baue eine «schmutzige Bombe»?

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Ukraine-KriegWas ist an den Vorwürfen dran, die Ukraine baue eine «schmutzige Bombe»?

Russland wirft der Ukraine vor, kurz vor der Fertigstellung einer «schmutzigen Bombe» zu stehen. In der Lage dazu wären beide Länder. Dass es in der Folge zu einer nuklearen Eskalation kommt, halten Experten aber für unwahrscheinlich.

von
Daniel Graf
Ann Guenter
Am Montag, 24. Oktober, beschuldigt Russland die Ukraine erneut, eine «schmutzige Bombe» zu bauen.

Am Montag, 24. Oktober, beschuldigt Russland die Ukraine erneut, eine «schmutzige Bombe» zu bauen.

Sputnik/Mikhail Klimentyev via REUTERS

Steht die Ukraine kurz vor der Fertigstellung einer «schmutzigen Bombe»? Das behauptet der russische Generalleutnant Igor Kirillow. Nach ersten Vorwürfen in diese Richtung vom Sonntag beschuldigte er die Ukraine am Montagabend erneut, Institutionen spezifische Anweisungen zur Herstellung der schmutzigen Bombe gegeben zu haben. Die Arbeiten befänden sich in der «abschließenden Phase». Die Ukraine hatte diese Vorwürfe am Sonntag dementiert und gemutmaßt, Russland plane selber «etwas Schmutziges».

Eine schmutzige Bombe bauen könnten die Ukrainer laut Wolfgang Richter, Experte für Sicherheitspolitik und Osteuropa von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, durchaus; er könne dazu aber keine Absicht erkennen. «Dabei handelt es sich um einen konventionellen Sprengsatz, der mit schwächer strahlendem radioaktivem Material aus den Abfällen von Kernkraftwerken oder anderen zivilen Anwendungen versetzt wird.» Solche Bomben hätten nicht dieselben zerstörerischen Effekte wie Atombomben, könnten aber durch radioaktive Rückstandsstrahlung Gebiete auf lange Sicht unbewohnbar machen.

«Drohungen ernst nehmen – sie haben eskalierenden Charakter»

Für Richter sind diese Drohungen ernstzunehmen: «Sie haben einen eskalierenden Charakter. Nicht, weil eine der zwei Kriegsparteien Interesse daran hätte, eine schmutzige Bombe oder gar Nuklearwaffen einzusetzen. Aber die Unterstellung, der Gegner könnte einen solchen Einsatz planen, könnte als Rechtfertigung für nicht-nukleare, aber eskalierende Präventivschläge gelten.»

Dass sich das alles zu einem Atomwaffen-Einsatz auswachsen könnte, sehen Experten als wenig wahrscheinlich. Richter erklärt: «Der Einsatz nuklearer Waffen macht im Moment aus verschiedenen Gründen keinen Sinn und wäre auch aus Russlands Sicht irrational. Man kann nicht verhindern, dass die eigenen Truppen wie auch die Bevölkerung, die man über die Annexion als russische Staatsbürger ‹eingemeinden› will, davon betroffen wären.» Die Wirkung könnte nicht regional begrenzt werden. «Auch wenn einige Experten von ‘Mini-Nukes’ ausgehen, die mit ihrer Druck-, Hitze- und Zerstörungswelle begrenzte Radien haben, hätte die Verstrahlung immer großräumige Wirkung.» Insbesondere aufgrund der radioaktiven Niederschläge.

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«Total-Isolierung Russlands hätte auch wirtschaftliche Folgen»

Zweitens würde Russland im Falle eines Einsatzes solcher Waffen ein nukleares Tabu brechen, das seit 1945 und Hiroshima und Nagasaki gilt und die Voraussetzung dafür ist, dass wir ein internationales nukleares Nicht-Verbreitungsregime haben. «Ein Bruch dessen ist nicht im Interesse von Russlands Verbündeten. Auch China, das ohnehin schon Probleme mit diesem Krieg hat, weil er eindeutig den Prinzipien der territorialen Integrität und Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten der Staaten widerspricht, die China hochhält, würde sich abwenden.»

Eine Total-Isolierung Russlands hätte nicht nur politische, sondern auch wirtschaftliche Folgen. Man könne nicht ausschließen, dass die USA und die Nato auf einen solchen Einsatz auch militärisch reagieren würden – natürlich nicht mit nuklearen Waffen. «Die militärische Kraft Russlands würde noch einmal einen erheblichen Schlag erleiden. Damit wäre eine Niederlage in diesem Krieg für Moskau kaum noch abzuwenden», sagt Richter. Auch wenn sich dann das russische Risikokalkül verändern würde, wäre eine weitere nukleare Eskalation kein Ausweg, da sie für alle verheerende Folgen hätte.

«Schmutzige Bombe würde der Ukraine keine Vorteile bringen»

Jean-Marc Rickli vom Geneva Center for Security Studies, teilt diese Einschätzung. Russland mache diese Vorwürfe nicht zum ersten Mal: «Schon im März haben sie dieselben Argumente angeführt, in der Vergangenheit auch in Syrien. Natürlich ist es beide Male nicht zur Zündung einer schmutzigen Bombe gekommen.» Aus strategischer Sicht würde dies laut Rickli für die Ukraine auch keinen Sinn machen: «Das Momentum ist seit September eindeutig auf der Seite der Ukraine.»

Rickli sieht die Unterstellungen Russlands als einen Weg, das Ansehen der Ukraine im Westen zu untergraben und die Dringlichkeit der russischen Operation im Inland zu verstärken. «Manche befürchten, dass die Russen eine False-Flag-Operation inszenieren könnten, damit sie einen Grund haben, dieselben Mittel einzusetzen. Dies ist nicht auszuschließen, würde aber eine erhebliche Eskalation des Konflikts bedeuten. Ich bin mir nicht sicher, ob die Russen jetzt dazu bereit sind.» 

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