Kinderpornografie – Webcam-Pädophiler beim Streamen erwischt

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KinderpornografieWebcam-Pädophiler beim Streamen erwischt

Kindersex-Tourimus per Webcam ist ein Verbrechen, das rasant zunimmt. Die meisten Opfer leben auf den Philippinen – die Täter sitzen meist im Westen.

In this April 20, 2017, photo, suspected child webcam cybersex operator, David Timothy Deakin, from Peoria, Ill., waits following his arrest as investigators gather evidence during a raid at his home in Mabalacat, Philippines. Children's underwear, toddler shoes, cameras, bondage cuffs, fetish ropes, meth pipes, stacks of hard drives and photo albums cluttered the stuffy, two-bedroom townhouse. In his computer files, there were videos and images of children engaged in sex acts. (AP Photo/Aaron Favila)

In this April 20, 2017, photo, suspected child webcam cybersex operator, David Timothy Deakin, from Peoria, Ill., waits following his arrest as investigators gather evidence during a raid at his home in Mabalacat, Philippines. Children's underwear, toddler shoes, cameras, bondage cuffs, fetish ropes, meth pipes, stacks of hard drives and photo albums cluttered the stuffy, two-bedroom townhouse. In his computer files, there were videos and images of children engaged in sex acts. (AP Photo/Aaron Favila)

Keystone/Aaron Favila

Als Unbekannte an seine Wohnungstür hämmern, googelt David D. noch schnell «Was ist NBI?». Diese drei Buchstaben hat er auf der Jacke eines der unerwünschten Besucher erkannt. Die Frage erledigt sich von selbst: Noch während er mit dem Laptop auf dem Bett sitzt, treten die Beamten des philippinischen National Bureau of Investigation seine Tür ein und nehmen den mutmaßlichen Pädophilen fest.

In der Zwei-Zimmer-Wohnung finden die Ermittler des Justizministeriums Kinderunterwäsche, Kinderschuhe, Kameras, Handschellen und stapelweise Festplatten. Auf eine Wand hat jemand mit Bleistift gekritzelt: «Meine Mama und mein Papa lieben mich.» Auf dem Computer von D. sind Videos und Fotos gespeichert, die Jungen und Mädchen bei sexuellen Handlungen zeigen.

Das jüngste Opfer war zwei Monate alt

Die Festnahme des 53-Jährigen Ende April verschafft Einblick in eine der dunkelsten Ecken des Internets: Pädophile aus den USA, Europa und anderen Teilen der Welt bezahlen Männer auf den Philippinen dafür, Kinder zu missbrauchen und die Taten per Livestream zu übertragen. Dieser sogenannte Webcam-Sextourismus breitet sich rapide aus. Die Vereinten Nationen sprechen von einer «alarmierenden Zunahme neuer Formen der sexuellen Ausbeutung von Kindern online». Die US-Bundespolizei FBI schätzt, dass zu jedem beliebigen Zeitpunkt etwa 750.000 Täter online sind.

In fast allen Fällen liegt der eigentliche Tatort auf den Philippinen. Dort leben einerseits Menschen mit guten Englischkenntnissen, und die Internetverbindungen funktionieren ebenso zuverlässig wie der internationale Geldtransfer. Andererseits kommen die Täter leicht an ihre Opfer heran, begünstigt durch weit verbreitete Armut. Bis zu dreimal pro Woche haben die Ermittler in den vergangenen Monaten zugegriffen. Das jüngste Opfer war gerade einmal zwei Monate alt.

D. war gerade dabei, verbotene Inhalte zu streamen

Bei der Festnahme von D. waren Reporter der Nachrichtenagentur AP dabei. Die philippinischen Behörden hoffen, dass die Berichterstattung andere Täter abschreckt. «Dies sollte eine Warnung sein», sagt Janet Francisco, die die NBI-Ermittlungen leitet. «Wir werden sie ins Gefängnis bringen und sie werden im Gefängnis sterben.»

Als die Polizei in seine Wohnung eindrang, war D. gerade dabei, verbotene Inhalte über das Netzwerk Tor zu streamen. Tor anonymisiert die Verbindungsdaten, so dass die Aktionen nicht zurückverfolgt werden können. D. hatte außerdem eine Website geöffnet, über die er binnen weniger Augenblicke alle belastenden Daten von seinem Smartphone hätte löschen können. Doch bevor er den Befehl dazu geben konnte, hatten die Ermittler ihn überwältigt und provisorisch mit dem Ladekabel des Handys gefesselt.

«Sie wissen genau, was Sie in diesem Raum getan haben»

«In meinem Haus waren nie Kinder vor der Kamera, nicht einmal bekleidet», beteuert der 53-Jährige. Der nackte Oberkörper ist schweißnass, seine Brille beschlagen, sein Atem sauer. Und wie kommen die Fotos und Videos auf seine Festplatte? Das müsse wohl versehentlich passiert sein, als er Dateien über BitTorrent heruntergeladen habe, sagt D. BitTorrent ist ein Filesharing-Protokoll, das nicht nur legal von Wissenschaftlern oder Künstlern genutzt wird, sondern auch illegal von Kriminellen – etwa für den Handel mit Kinderpornografie.

Der in den USA geborene D. lebt seit 17 Jahren auf den Philippinen. Nach eigenen Angaben arbeitet er für umgerechnet rund 30 Euro die Stunde als Systemadministrator. Seine Wohnung ist zugemüllt, der Kühlschrank fast leer. «Sie wissen genau, was Sie in diesem Raum getan haben», hält ihm eine Ermittlerin vor und zeigt ihm Fotos verschiedener Kinder. Mit einem Achselzucken entgegnet D., es sei möglich, dass eines der Mädchen ein paar Türen weiter sei, bei ihrer Cousine. Wenige Minuten später befinden sich die Neunjährige und die Elfjährige in der Obhut der Polizei.

«Er brauchte ein Mädchen, das seinen Körper vor der Kamera zeigt»

Rund 100 Kilometer entfernt sitzt die 19-jährige Cassie im Garten eines Hauses, in dem jugendliche Missbrauchsopfer Zuflucht finden. Ihr Martyrium, so erzählt sie, begann vor sieben Jahren. Als jüngste Tochter einer armen Familie glaubte Cassie dem Mann, der in ihr Dorf kam und ihr ein besseres Leben in der Stadt versprach.

Er nahm die damals Zwölfjährige mit, zwang sie, ihre Haut zu bleichen und ihr Haar zu glätten – und weckte sie nachts um vier Uhr auf, damit sie für ihn arbeitete. «Er brauchte ein Mädchen, das seinen Körper vor der Kamera zeigt», erzählt Cassie. Ihre ältere Schwester fand irgendwann heraus, was der Mann mit Cassie machte, und ging zur Polizei.

Der bisher größte Ermittlungserfolg gegen Webcam-Kinderpornografie

Weltweite Aufmerksamkeit erfuhr die Webcam-Kinderpornografie dank einer Aktion der Menschenrechtsorganisation Terre des Hommes im Jahr 2013, in deren Mittelpunkt die zehnjährige «Sweetie» stand, ein am Computer erschaffenes philippinisches Mädchen. Mit «Sweeties» Hilfe wurden in Online-Foren und Chats binnen zehn Wochen etwa 1000 Pädophile aus 71 Ländern enttarnt.

Die Festnahme von D. hat sich als einer der bisher größten Ermittlungserfolge gegen Webcam-Kinderpornografie auf den Philippinen erwiesen: Die Polizei stellte bei ihm 30 Festplatten sicher, und auf seinem Tablet-Computer waren mehr als 4000 Kontakte gespeichert.

(L'essentiel/Alexandra Rehn/AP)

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